Remy Eyssen

Remy Eyssen (Jahrgang 1955), geboren in Frankfurt am Main, arbeitete zunächst als Redakteur bei der Münchner Abendzeitung, später als freier Autor für Tageszeitungen und Magazine. Anfang der 90er-Jahre entstanden die ersten Drehbücher. Bis heute folgten zahlreiche TV-Serien und Filme für alle großen deutschen Fernsehsender im Genre Krimi und Thriller. Von Remy Eyssen sind bei Ullstein bereits erschienen: Tödlicher Lavendel, Schwarzer Lavendel, Gefährlicher Lavendel und Das Grab unter Zedern.

 

Interview mit Remy Eyssen
geführt von Rebecca Wilhelm

 

In jedem Romanhelden steckt ein wenig von der Seele des Autors.

 

Die Provence ist Sehnsuchtsort vieler LeserInnen. Was begeistert Sie selbst an dieser Region?

Mit 12 Jahren bin ich zum ersten Mal mit meinen Eltern nach Le Lavandou gereist. Es war eine völlig andere Welt, in der ich mich dort als Kind zurechtfinden musste. Alles sah anders aus, roch anders und alles schmeckte fremd und interessant. Die Provence war eine faszinierende Landschaft zwischen dunkelblauem Meer und den wilden, einsamen Hügeln. Die Sonne schien nahezu ohne Unterbrechung. Es gab exotische Pflanzen und auf dem Wochenmarkt konnte man Oliven kaufen, die in Knoblauch und Kräuter eingelegt waren. Später gab es auch noch Rosé beim Winzer aus dem Fass. Was brauchte der Mensch mehr?

Wie kam es dazu, dass Sie sich als Handlungsort die idyllische Provence und keine Region in Deutschland ausgesucht haben? Hat es mit der Tatsache zu tun, dass es Land auf und ab schon etliche Regionalkrimis in die Regale der Buchläden geschafft haben oder ist dies Ihrem ganz persönlichen Gusto geschuldet?

Ich wollte schon seit meinem Studium einen Krimi schreiben, der in Le Lavandou spielte. Weil ich die Gegend so gut kannte und die Veränderungen durch die Jahre miterlebt hatte. Aber da begann erst einmal meine Arbeit für das Fernsehen. Nach einigen Jahren hatte ich jede Menge TV-Krimis geschrieben, die aber alle in Deutschland spielten. Ich brannte darauf, endlich meine Geschichten aufzuschreiben, die natürlich in der Provence spielen mussten. Also ging ich zu einer Literaturagentin und der gefiel meine Idee. Ich habe mich übrigens nie vom großen Angebot anderer „Frankreich-Krimis“ abschrecken lassen. Ehrlich gesagt, hatte ich die Lage in den Buchhandlungen gar nicht recherchiert.

Haben Sie nach drei „Lavendelkrimis“ mittlerweile genug von der duftenden lila Pflanze? Ihr neuer Leon Ritter-Fall Das Grab unter Zedern weicht zumindest titelmäßig ab …

Die Lavendel-Titel waren eine Idee meines Verlages, um den Büchern einen wiedererkennbaren Look zu geben. Und ich muss sagen, das hat auch ziemlich gut funktioniert. Aber nach dem dritten Roman klangen die Titel dann doch sehr ähnlich und wir hatten Bedenken, dass sich die Bücher von der Optik her nicht genug unterscheiden könnten. Daraufhin haben wir die Titel verändert und zusätzlich mit einer Unterzeile versehen: „Leon Ritters erster Fall“ … usw.

Wie viel Remy Eyssen steckt in Ihrer Hauptfigur Leon Ritter?

Ich denke in jedem Romanhelden steckt ein wenig von der Seele des Autors. Die positiven Eigenschaften werden verklärt und die Schwächen ein bisschen versteckt.

Können Sie sich vorstellen, Ihre Zelte in Deutschland abzubrechen und, wie Leon Ritter, in die Provence zu ziehen?

Ich habe viele Monate meines Lebens in Le Lavandou verbracht. Außerhalb der Saison ist es dort ziemlich einsam. Ich habe Deutsche kennengelernt, die zu Hause alles aufgegeben hatten, um nach Lavandou zu ziehen und dort zu arbeiten. Einige sind nach Jahrzehnten wieder zurück in die Heimat. Lavandou hat seinen großen Charme, aber am Ende ist es ist doch nur Provinz.

In Gefährlicher Lavendel thematisieren Sie u. a. die Integration der aus dem Maghreb stammenden Flüchtlinge in die französische Gesellschaft, die Frankreich nicht erst seit der letzten Flüchtlingswelle sehr beschäftigt. Wie zentral erscheint Ihnen der Aspekt angesichts der Lage der Flüchtlinge in Europa?

Schon als Kind habe ich miterlebt, wie viele Algerier nach Südfrankreich kamen und wie schwierig es für sie war, dort Fuß zu fassen. Das waren die großen Flüchtlingsbewegungen nachdem Algerien erfolgreich seine Selbständigkeit von Frankreich erkämpft hatte. Ich war zu jung, um alles richtig zu begreifen. Aber die Menschen aus dem Maghreb gehörten zum Straßenbild und die Franzosen diskutierten das Problem der Integration schon damals sehr kontrovers. Es wurde abfällig von den „pied noirs“ gesprochen – also den Menschen, die zwar fließend Französisch sprachen, aber ihre Wurzeln in Algerien hatten. Für die Geschichte in meinem Roman bot es sich an, dem Opfer einen Flüchtlingshintergrund zu geben.

Des Weiteren verbirgt sich hinter Witz und Sarkasmus hin und wieder Kritik an der elitären Gesellschaft. Wie wichtig war Ihnen neben der unterhaltenden Komponente, die ja deutlich im Vordergrund steht, trotz allem diese gesellschaftskritische Haltung, vielleicht auch im Hinblick auf die deutsche Elite?

Natürlich sind die Unterschiede zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Besitzern der strahlenden Villen am Meer ziemlich krass. Denken Sie zum Beispiel an den Hafen im nahen Saint-Tropez. Es gibt bestimmt nur wenige Plätze auf der Welt wo sich Milliardäre und Pauschalurlauber so nahe kommen. Nur dass die einen im Heck ihrer Superyacht sitzen und Drinks schlürfen, während die anderen, kaum drei Meter entfernt mit einer Flasche Mineralwasser in der Hand den Kai entlang laufen. Bei so viel sozialem und wirtschaftlichem Gefälle auf so engem Raum sind die Konflikte vorprogrammiert. Jeder Autor würde solche Brennpunkte für seine Geschichten nutzen. Ich will meine Leser nicht erziehen, ich möchte sie aber gerne in fremde Welten mitnehmen. Egal ob das die Villa eines Mitglieds der noblen Académie française ist oder die Destille eines Lavendelbauers in der Provence.

Wie kam es, dass Sie vom Drehbuch- zum Romanautor wurden? Was sind die markantesten Unterschiede bei Ihrer täglichen Arbeit?

Der Arbeit des Romanautors ist deutlich ruhiger als die des Drehbuchautors. Der fundamentale Unterschied besteht darin, dass der Drehbuchautor zwar das Herz eines Films liefert, aber dass das von den Zuschauern nur in seltensten Fällen gewürdigt wird. Wer unter den Fernsehzuschauern kennt schon den Namen des Autors, der den letzten Tatort geschrieben hat? Das ist beim Krimiautoren ganz anders. Hier ist der Name des Autors unmittelbar mit dem Werk verknüpft. Das, was er geschaffen hat, wird genau so dem Leser verkauft. Allerdings muss man sagen, dass die Honorare bei einem emsigen und einigermaßen erfolgreichen Drehbuchautoren in der Regel deutlich über denen des Romanautors liegen.

Hätten Sie einen Plan B in petto gehabt, falls das mit der Schriftstellerei nicht geklappt hätte?

Über einen Plan B habe ich nicht nachgedacht. Ich wollte schreiben und ich war sicher, dass ich eine gute Idee hatte. Wenn wirklich nichts daraus geworden wäre, dann hätte ich wahrscheinlich weiter als Drehbuchautor gearbeitet.

Welche Krimis lesen Sie in Ihrer Freizeit?

Wenn ich schreibe, dann lese ich in der Regel keine Krimis. Aber ich lasse mir bei meinen Spaziergängen Bücher von Autoren vorlesen, deren Stil ich sehr schätze. Mario Vargas Llosa ist einer davon oder Juli Zeh, aber auch Donna Tartt (Der Distelfink). Gelegentlich auch John Grisham oder Tom Wolfe.

Was macht für Sie selbst einen guten Krimi aus?

Gute Krimis brauchen natürlich vor allem eine stimmige Geschichte, aber noch wichtiger sind spannende Figuren. Damit fangen Romane erst an zu glänzen. Da fällt mir sofort Lisbeth Salander aus der Trilogie von Stieg Larsson ein. Eigentlich als Nebenfigur gedacht, aber für mich die wichtigste Person in dem ganzen Epos. Ich denke, das hat Larsson beim Schreiben auch erkannt, denn die Figur gewinnt in jedem der drei Stücke zunehmend an Bedeutung.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration und Disziplin, und was hilft Ihnen persönlich bei einer Schreibblockade?

Disziplin und Schreiben stehen immer im Konflikt miteinander. Aber ich habe sechs Jahre als Tageszeitungsjournalist gearbeitet. Da konnte man sich den berühmten „writers block“ nicht leisten. Die Zeitungsseite konnte ja nicht leer bleiben. Aber es gab gelegentlich schon Momente der Verzweiflung, wenn es mal nicht so richtig lief. Der Vorteil an dieser Erfahrung war, dass man sich eine strenge Disziplin angewöhnen musste, die beim Drehbuch- und später beim Romane-Schreiben natürlich sehr hilfreich war. Wenn es dann gelegentlich doch mal klemmt im Kopf, gehe ich spazieren. Am besten durch den Park oder an der Isar entlang. Dann beschäftigt man sich mit den Dingen, die man sieht, und im Hintergrund, irgendwo tief im Gehirn, ordnen sich die wirren Gedanken wieder in die richtigen Schubladen ein.