November – Leonhard Michael Seidl

 

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November – Leonhard Michael Seidl

Unser Autor des Monats Oktober ist in München aufgewachsen und zwar im urmünchnerischsten Stadtteil: in Giesing. Das Arbeiterviertel hat ihn geprägt, nicht nur, was den Fußball anbelangt. Bald begann er sich für die Geschichte seines Viertels zu interessieren und das ist bis heute so geblieben.

Exklusiv für Euch erzählt er hier aus seinem Leben:

Wie ich wurde, was ich bin

Ich kam 1949 in München zur Welt und bin sofort aufgewachsen. Die Stadt war kaputt; auch das Sechzger-Stadion in Obergiesing war keine Augenweide. Das hinderte meine Eltern jedoch nicht daran, beim Ausbau des zerbombten Mietshauses Grünwalderstraße 7 kräftig anzupacken. Als Werkzeugmacher war mein Vater ein begabter Handwerker, und so bezog man im Jahre 1949 den 4. Stock dieses Hauses – mit zunächst zwei Mansardenfenstern mit unverbaubarem Blick auf das Stadion und sein Spielfeld. Als mein Bruder zur Welt kam, folgte ein Kinderzimmer.

Nun standen drei Fenster mit freiem Blick zur Verfügung. Es versteht sich von selber, dass zu jener Zeit der TSV 1860 in Giesing und weit über München hinaus sehr bekannt war. Vom FC Bayern war jedenfalls noch nichts zu sehen.

Als die 1. Bundesliga ihren Spielbetrieb aufnahm, hatten wir das große Los gezogen: Jedes Heimspiel der Löwen konnten wir sehen … ohne einen Pfennig Eintritt zu bezahlen!

Bald sprach sich das herum. Und deshalb begann der Wettkampf-Samstag bei uns jedes Mal auf die gleiche Weise: Am Vormittag wurde geputzt. Dann gekocht. Dann gabs Mittagessen. Dann wurden die Fenster aufgerissen. Von der Grünwalder Straße erscholl der Ruf: „Die Blaue mit der Mannschaftsaufstellung“. Wir warteten auf die ersten Besucher, die sich auch bald einstellten. Kollegen meines Vaters waren darunter, Freunde aus der Nachbarschaft, Schulkameraden – und ein Kaplan aus der nahen Pfarrei. Zu Oktoberfestzeiten wurden wir üppig mit Bier- und Hendlzeichen versorgt. Meine Mutter bekam Lebkuchenherzen oder ein Fläschchen Eierlikör.

Die Sitzordnung war immer die gleiche. Vorne am Fenster standen zwei Männer. Dazwischen auf einem niedrigen Schemel ein dritter. Dahinter ein Tisch mit zwei Stühlen. Darauf zwei Männer, die allerdings etwas den Kopf einziehen mussten. Direkt hinter ihnen gab es noch einen Stuhl für den zuletzt eingetroffenen Zuschauer, der jedoch den schlechtesten Ausblick hatte. Alle zusammen gerechnet, hatten wir an jedem Fenster 7 Zuschauer; macht insgesamt 21 bei (fast) jedem Spiel der Löwen. Frauen gab es – bis auf meine Mutter – nicht.

An einem denkwürdigen Samstag – das Spiel war seit Wochen ausverkauft – erbrachen einige Fans die neben unserer Wohnungstür liegende Speichertür und deckten das Dach teilweise ab, um wenigstens auf diese Weise etwas vom Spiel mitzubekommen. Die Polizei beendete das Intermezzo dann sehr schnell.

Wen wundert es, dass ich zum Anhänger des TSV 1860 München geworden bin?

Soweit ich mich erinnere, bin ich nur ein einziges Mal selber ins Stadion gegangen … doch meine Neugier auf die Menschen und ihre Geschichten war geweckt! 

Während sein Leben mit Schule und Berufsausbildung voranschreitet, beginnt er  Gitarre zu spielen. Später kann er damit als nebenamtlicher Gitarrenlehrer Geld verdienen. [$=project.imageAltText(489)$]

1971 trifft der Tod des erst 43-jährigen Vaters die Familie hart.

Jetzt beginnt die Familiengründung, der Wegzug aus dem Viertel wird beschlossen. Auf Umwegen landet man im Landkreis Erding. Mit der geliebten Frau und den beiden Kindern beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Erste Mundartgedichte entstehen. Sie finden 2014 radikal neu gefasst mit dem ambitionierten Titel  „Vabliahd“ (Liliom Verlag, Waging) ihre Fortsetzung. Hier gibt es keine Herz-Schmerz-Liebe-Triebe-Veasal mehr, auch keinen Reim. Es sind „bairische Texte zum Herbst“, die man laut lesen muss – ist man des Bairischen mächtig.

Hier als Beispiel, passend zum beginnenen Spätherbst ein Gedicht aus diesem Band:

koboid  images

da heabst

is a koboid

a farbiga

dupfada

hupfada

 

bsuffa legt a d blattl

ins gras

d sonna grinst

 

daisch di need

koboid – boid

weads koid

(aus „VABLIAHD – bairische texte zum herbst“, LILIOM-Verlag, Waging)

Bald bricht Leonhard Michael SEidl zu neuen Ufern auf. 1989 erhält er ein Stipendium am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, begleitet dort die Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“. 1999 verfasst er den bairischen Bühnenmonolog „Schorsch“. Das unbequeme, sich mit Ausländerhass befassende Stück wird im Münchner „Schlachthof“ uraufgeführt.  Im Premierenpublikum ruft es wütende Reaktionen und Beschimpfungen für den Autor hervor, was ihn zu der Meinung veranlasst, auf dem richtigen Weg zu sein. Zwei Jahre später wird „Schorsch“ vom Land Baden-Württemberg mit einem Volkstheaterpreis ausgezeichnet. Neben alldem arbeitet unser Autor lange Jahre als Systemadministrator in einer Behörde – er erkrankt schwer und verbringt einige Zeit in einem Krankenhaus.

preview-12005 erhält er den Auftrag, ein Theaterstück nach einem wahren Fall zu verfassen: „Der Rote Hanickl“. Das  historische Werk beschreibt Aufstieg und Fall einer Räuberbande in den 1830er Jahren im Erdinger Land – wobei der Räuberhauptmann eine Frau war. Die Aufführungen in der Stadt Dorfen sahen über 4000 Zuschauer. Aus diesem Stoff entsteht bald der erste Roman mit dem gleichen Titel, erschienen in der Verlagsdruckerei Präbst in Dorfen.

Doch unseren Autor zieht es literarisch zurück nach München, nach Giesing. Die Romane „Hundsgift“ und „Novemberlicht“ (beide Bayerland-Verlag, Dachau) erscheinen.

Hier ein Auszug aus dem Klappentext zu „Novemberlicht“:

„Im Winter 1918/1919 taucht in München ein geheimnisvoller junger Mann auf, der sich einigen gerade aus dem Krieg heimgekehrten Soldaten der Roten Garde anschließt. Zusammen erleben sie den Kampf um Giesing; mit ihnen flieht er vor den siegreichen Regierungstruppen auf einen Einödhof in den Schlierseer Bergen. Dort verliebt er sich in eine Bauerntochter und will mit ihr eine Zukunft aufbauen. Doch die Vergangenheit holt ihn ein. Mehrfach versucht man ihn zu töten. Der Drahtzieher dieser Anschläge ist ein Mann, den Josef Kübler für den Mörder seiner Eltern hält. Die dramatische Handlung spielt sich vor dem Hintergrund der Wirren in der unmittelbaren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ab; einer Zeit der Straßenkämpfe, des Hungers und des Erstarkens reaktionärer Kräfte.“

 

Soweit unser Leonhard Michael Seidl über sich selbst.

Wie Ihr hier sehen könnt, ist er nicht nur ein ausgesprochen vielseitiger Autor, sondern auch ein begeisterter Musiker.

Abgesehen davon, dass er als Urgiesinger immer wieder gern in seine alten Heimat zurückkehrt gehört er wohl zu den vielseitigsten Münchner Autoren, nicht nur der zeitgenössischen Krimilandschaft.

Leonhard Michael Seidl hat bisher dreißig Theaterstücke sowie elf Romane verfasst. Nicht nur Historisches entstand. Auch der heutig-schräge Roman „Letzte Ausfahrt Giesing“ (Verlag Ars Vivendi) findet seine Leser. Dazwischen kommt die bairische Fassung von Gogols ´“Revisor“ (Drei Masken Verlag) mit großem Erfolg auf die Bühne. Wohingegen die bairischen Fassungen des irischen Dichters Synge („Der Held der westlichen Welt“) und Molières „Tartuffe“ (beide im gleichen Verlag) ihrer Uraufführung harren; wie auch „Der Engelsturz der Lola Montez“ noch den Weg auf die Bretter, die die Welt bedeuten, finden muss.

Im Mai 2016 hat unser Autor des Monats Oktober ein vierwöchiges Stipendium in Meran als „Writer in Residence“ verbracht, verliehen von einer Schweizerischen Menschenrechtsorganisation. Diese Auszeichnung gilt einem Romanprojekt, welches im Mai 1945 in einem kleinen Dorf im Bayerischen Wald angesiedelt ist. Bei der Arbeit daran stieß unser Autor an seine psychischen Grenzen. Die Geschehnisse zu jener Zeit waren unerträglich. Eine schöpferische Pause musste eingelegt werden. Inzwischen schreitet die Arbeit aber wieder voran.

Wenn ihr mehr über ihn erfahren wollt, dann schreibt einfach an: der.erzaehlte.fall@gmx.de