November – Leonhard Michael Seidl – Leseprobe

Und hier, exklusiv für Euch, eine Leseprobe aus dem zeitkritischen Thriller:

Letzte Ausfahrt Giesing

Wir betreten die Nachtseite der Vernunft.images-1

Es wird dreckig.

Hör auf zu lesen, bevor du kotzt.

Jammer nicht rum.

Hab dich gewarnt.

1

Ich bin Valentin. Valentin Gaukler.

Bulle. Geschasster Bulle. Rausgeschmissen. Angeschissen. Wegen einer Kleinigkeit – das könnt ihr mir glauben. Ich lüge nicht. Lügt ein Bulle? Nein, ein Bulle lügt nicht. Größe 1.83, Alter 39, Gewicht 81 Kilo. Ach ja: Halsweite 41, Slipgröße 6 und Schuhgröße 43.  Dass ich meine blonden Strähnen beim Figaro immer wieder mal mit Locken aufmotzen lasse, geht keinen was an. Manche Girls sagen, ich gleiche dem frühen Robert Redford. Falsch ist nicht, dass er immer sagt, was er denkt. Valentins Fehler ist, dass er denkt, was er sagt. Aussage meines Vorgesetzten auf der Dienststelle. Idiot.

Ihr wollt wissen, wie es war, damals, vor eineinhalb Jahren, als mich die Polizei rausgeschmissen hat? The rest of the story? Von mir aus. Aber sagt nachher nicht, ihr hättet nix gewusst. Ich hatte einen Partner. Rothaarig. Ich hasse rothaarige Partner. Schon immer. Aber gut. Man soll auf Minderheiten nicht rumhacken. Rudi Mangold, so hieß er, war mit mir unterwegs. Wir alle auf der Schicht sagten Weißgold zu ihm, weil er rote Haare hatte – klingt nicht unbedingt logisch, ist aber so. Als das Handy sang, waren wir auf unserem Rundgang am Sendlingertorplatz in München. Eine Ecke in der Innenstadt, wo immer was los ist. Wir standen direkt vor dem Vodafone-Laden. Drinnen war es dunkel. Jedenfalls dachte ich, es sei dunkel. War es aber nicht. Eine Taschenlampe funzelte. Meine grüne Swatch zeigte mir halb zwei. Morgens. Weißgold sagt ins Handy, wir stehen schon davor. Vor dem Laden.  Ich sag, was ist los mit dem Laden? Bruch, sagt Weißgold.  Ich seh das Loch in der Scheibe, die Eingangstür ist aufgehebelt. Drin funzelt die Taschenlampe. Der Kerl hat vielleicht Nerven.

Wer geht rein?, frag ich.

Du, sagt Weißgold, und ich geh rein, die Knarre im Anschlag.

Drin steht der Augendübler und grinst mich an.

Was machstn du hier?, sagt er.

Lächelt mir ins Gesicht. Ich kann seine Fahne bis ins Stammhirn riechen.

Hau ab, sagt er, ich arbeite hier.

Du arbeitest bald woanders, sag ich und wedle mit der Knarre.

Er wirft mir eine protzige Anlage der Telekom ins Gesicht und einen Karton mit Samsungs hinterher. Ich weiche aus. Dann kommt ein Geschenkset mit einem Galaxy-S7 für die Kids angesegelt. Trifft mich in die Eier. Ich geh in die Knie. Die Knarre bleibt in meiner Hand.

Hör zu Redford, sagt der Augendübler. Ich zahl dir zweihundert, wenn du mich in Ruhe lässt.

Ich sag, und mein Kumpel draußen? Was ist mit dem? Der wird schon ganz unruhig!

Dein Kumpel geht mich einen Scheißdreck an, Bulle.

Er schmeißt zwei Scheine hin und rennt hinaus. Ich starre auf die Scheine und höre den Schuss. Den Augendübler hat‘s am Ohr erwischt. Weißgold hätte fast danebengeschossen. War nie ein besonders guter Schütze. Weißgold lag immer unter der Norm. Ist ja auch egal. Jedenfalls trifft er den alten Augendübler am linken Ohr. Ist für ein paar Sekunden taub. Orientierungslos. Rennt auf die Straße, während ich die Scheine wegstecke. Nix dabei für Weißgold, den miserablen Schützen. Wär ja noch schöner. Ich lass mir die Galaxy in die Klöten schmeißen, und Weißgold kassiert die Hälfte meines Ruhegeldes? So läuft das nicht. Reifen quietschen. Der Augendübler ist in eine Pizzaladung gelaufen. Der Punto stellt sich quer. Vergisst die Fahrbahn, schlingert über den Gehsteig, kommt schräg, kippt in Zeitlupe. Kotzt Pizza Margherita, Pizza Salami, Pizza Irgendwas. Alles aufs Pflaster. Um zwei Uhr früh. Die Stadtstreuner rennen hin und prügeln sich um den Itakerdreck. Der Augendübler liegt auf der Straße. Hält sich die Lauscher. Schreit nach Mutti. Ist aufs Hirn gefallen. So war das. Der Augendübler hat ausgepackt, als sie ihn vom Asphalt kratzten. Er sagte, ich hätte immer pünktlich mein Ruhegeld gekriegt. Bar auf die Kralle. Damit er in Frieden arbeiten kann. Und jetzt das. Wo führt das hin, wenn nicht einmal den Langfingern zu trauen ist? Was sollte ich sagen? Der Augendübler konnte zwar nix beweisen, oder glaubt ihr wirklich, ich wäre so bescheuert gewesen, ihm auch noch eine Quittung für seine halbseidenen Alimente zu geben?  Es reichte auch so. Sie hatten mich am Arsch.Als der Augendübler von Schmerzensgeld für eine geringfügige Verletzung, die er mir angeblich zugefügt hatte, faselte, überprüften die Säcke mein Konto bei der Bank. War ja nicht bloß die Kohle vom Augendübler, was sich da angesammelt hatte. Leg dein Geld niemals bei einer deutschen Bank an, Kumpel. Lauter Halunken. Man fand das teure Fotolabor in meiner Bude. Der neue BMW stand vor der Tür. Da wussten sie Bescheid. Ich war raus. Ich war nicht nur raus. Ich war sozusagen rausraus. Dafür ist der Augendübler noch immer im Knast. Beinah wär ich ihm gefolgt. Und Weißgold? Weißgold bekam einen neuen Partner. Das Leben ändert sich nicht. Nur dich. Nur dich ändert das Leben. So ist das. Weißgolds neuer Partner stinkt aus dem Maul. Hat mir Weißgold erzählt. In der Kneipe, wo ich jetzt arbeite. Hatte so einen wehmütigen Zug um den Mund, der Weißgold. Wird ihm wohl bleiben. Was soll ich machen? Ich musste die Mücken einfach nehmen. Ich glaube, München ist eine Hose mit Bügelfalten, bei der jemand den Schlitz offengelassen hat. Da musst du schauen, wo du bleibst. Das Schmerzensgeld war erstunken und erlogen. Der Augendübler hätte mich nie erwischt, die alte Trantüte. Bin schneller als er. Meine Beinarbeit ist erstklassig. Meine Uppercuts sind tödlich.

2

Jedenfalls residiere ich jetzt im Blauen Ochsen. Zweites Nebenzimmer rechts, neben dem Pissoir. Admiralstraße vierunddreißig, Untergiesing. Bürgerliche Gegend. Ruhig. Jedenfalls am Tag. Nachts wird’s laut. Aber das stört mich nicht. Hab einen Fernlehrgang zum Privatdetektiv absolviert. Darf wieder eine Knarre tragen. Ich liebe das Leben. Hab einen Ausweis und einen Schlapphut. Zu Sherlocks Pfeife hats nicht gereicht. Rauche noch immer Salem ohne, die in der grünen Packung. Vermächtnis von meinem Alten. Der rauchte auch Salem ohne. Starb früh. Nicht am Lungenkrebs. An einem Hühnerknochen. So war das.

Jetzt hocke ich hier am Schreibtisch. Vor mir das Handy. Daneben der Block mit Stift. Der Block ist leer, der Stift ist voll. Aufträge Fehlanzeige. Man muss Geduld haben. Einen ganzen Container Geduld. Neben dem Block steht eine Plastikvase mit drei Nelken aus Bast. Weihnachtsgeschenk meiner Tante. Tante Josefine hat mich gesponsert. Als es bei der Polizei mit der Kohle noch nicht lief.

Tante Josefine aus Unterunsbach ging vor einem Jahr über den Jordan. Gott hab sie selig. Die Unterstützung blieb aus. Zeit für den Augendübler und Konsorten. Den Rest kennt man. Neben der Plastikvase steht ein trübes Glas Kamillentee. Gegen mein Halsweh. Kennt ihr dieses kratzende, schmierende Gefühl direkt hinter der Zunge? Es nervt. Es nervt so, dass ich dem Kamillentee immer etwas Bauerntrank beifüge. Nicht viel. Die Dosis macht das Gift. Bauerntrank ist meine Medizin. Billig und schnell. Hat knappe siebzig Umdrehungen. Durchsichtig wie Quellwasser. Guter Stoff. Hilft auch bei Depressionen. Aber davon werde ich selten geplagt. Ich stehe positiv im Leben. Hab ich von Mutti. So schnell wirft mich nix um. Freundin hab ich keine. Warum, sagt Weißgold, soll ich eine Kuh kaufen, wenn mir ein Liter Milch genügt? Ludwig reißt die Tür auf. Ludwig reißt immer die Tür auf. Ludwig ist der Wirt vom Blauen Ochsen. Netter Kerl. Etwas breithüftig. Hustet viel. Liegt an der Weißen Eule, diesem gottverdammten, stinkenden Zeug.

Ich sag, warum reißt du die Tür so auf? Das geht doch leiser auch.

Er sagt, schau mal auf die Uhr.

Ich schau auf die Uhr. Halb zehn. Die Bude brummt. Ich ahne, was Ludwig will.

Ich sag, Küche oder Gäste?

Küche, sagt er und prügelt die Tür in die Angeln, dass die Plastikvase kippt.

Bis vier Uhr morgens stehe ich in der Küche. Teller rein in den Spülautomaten, Teller raus aus dem Spülautomaten. Zweimal verbrenne ich mir die Pfoten, weil ich nicht warten kann. Teller rein in den Spülautomaten. Teller raus aus dem Spülautomaten. Rein raus rein raus. Wisst ihr, wie das ist? Altes Bratfett in der Nase. Ludwig brüllt. Der Koch schimpft mit der Salaterin. Ich steh an der Maschine. Teller rein und Teller raus. Prima Leben! Aber in jedem Leben fällt mal Regen. Um zehn nach vier kommt Ludwig zu mir und sagt, da sitzt eine draußen. Die will was von dir.

Ich sag zu ihm, Kundschaft? Er zuckt mit den Schultern. Ich sag, soll morgen wieder kommen.

Er schmeißt sie raus.

Es ist nach fünf, als ich mich in die Koje haue. Im Blauen Ochsen, zweites Nebenzimmer rechts. Admiralstraße vierunddreißig in Untergiesing. Ruhige Gegend, wie gesagt.

Sicher wollt Ihr wissen, wie es mit Valentin Gaukler und seiner Detektei weitergeht? Wir haben hier für Euch eine Kritik gefunden, die wir Euch nicht vorenthalten wollen:

Der 39-jährige Valentin Gaukler war einst Polizist, musste aber wegen „einer Kleinigkeit“ den Dienst quittieren und schulte daraufhin in einem Fernlehrgang zum Privatdetektiv um. Er wohnt in einem Nebenzimmer des „Blauen Ochsen“, einem Lokal in München Giesing, und hilft bei Bedarf dem 75 Jahre alten Wirt Ludwig. Dem gehört nicht nur die Gaststätte, sondern auch das Haus mit den da- rüberliegenden Wohnungen.

So unterschiedlich seine Mieter sind, so würde man sie doch alle landläufig als „einfache“ Leute bezeichnen: Im Souterrain befinden sich Probenraum und Wohnung von „Mensch, Schau- spieler, Komiker“ (Seite 40) Otto Harn, genannt Harnotto. Witwe Frauke, die ständig auf der Suche nach reichen Männern ist, hat im 1. Stock ihr Zuhause und unterm Dach ist die 83-jährige Lore Frenz mit ihren 7 Katzen untergebracht. Unten im Haus befindet sich noch Klara Imhof’s Nagelstudio. Sie selbst wohnt mit Helmut Sikora, Spitzname „Nudel“, im 3. Stock. Bei ihnen lebt auch Klara’s 14-jähriger Sohn Friedrich Karl Alexander, kurz Frika. Alle Mietparteien und Stammgäste der Wirtschaft halten wie eine große Familie zusammen: Einer ist für den anderen da, man kennt sich mit allen Vorzügen und Schwä- chen, teilt Freud und Leid miteinander. Probleme, egal ob große oder kleine, sind dazu da, gemeinsam gelöst zu werden, und bei Ludwig und Valentin laufen alle Fäden zusammen. Doch eines Tages sind Valtentin’s Fähigkeiten als Privatdetektiv gefordert:

Frika ist verschwunden! Als er irgendwann völlig verstört wieder auftaucht, gibt Valentin keine Ruhe, bis er aus ihm herausbekommen hat, was passiert ist: Der Junge hat beobachtet, wie Leichen in Beton eingemauert wurden. Nicht nur Zeuge Frika lebt fortan gefährlich, sondern auch Valentin, der sich auf die Suche nach den Tätern begibt und ihnen bald auf der Spur ist. Dann bekommt Ludwig auch noch eines Tages ein Schreiben, in dem eine private Religionsstiftung ihm für den Verkauf seines Hauses 100.000 Euro anbietet. Als Ludwig nicht darauf eingeht, greifen die potenziellen Investoren zu äußerst unfairen Mitteln, um ihn zu dem Geschäft zu nötigen. Der ge- stresste Wirt und Hauseigentümer wird krank, außerdem ist er der vielen Arbeit tagein tagaus allmählich überdrüssig und daher schließlich fast ge- neigt, doch auf das Angebot des Investors einzugehen. Aber der „Großfamilie“ ist nur allzu klar, was ein Verkauf bedeuten würde: Abriss, Bau von Eigentumswohnungen und Szene-Lokalen, in der Folge überhöhte Preise – kurz: Verlust ihrer Bleibe. Daher hat die Angelegenheit oberste Priorität – eine Lösung muss her, damit Ludwig das Gebäude behält. Und mit dem neuen Koch Rüdiger wird der „Blaue Ochse“ schließlich bald selbst zur Location.

Resümee: Ein Krimi über Gentrifizierung

(…) ein aktuelles Thema wurde in diesem Buch auf unterhaltsame Weise sehr anschaulich und nachvollziehbar umgesetzt!

Der Leser erhält zunächst Einblicke in das tägliche Leben der „einfachen“ Hausgemeinschaft. Dabei wird deutlich, dass – so unterschiedlich die Be- wohner auch sind – alle in einer eingespielten, symbiotischen Beziehung leben. Diese droht nun durch das lukrative Angebot eines Investors und dessen unlautere Methoden zerstört zu werden: Der Verkauf des Hauses, sein Abriss und /oder eine Sanierung würden zwangsläufig das Aus für das Sozialgefüge bedeuten. Nicht nur den Be- troffenen sind die damit verbundenen persönlichen Konsequenzen ziemlich klar, auch der Leser kann sie sich lebhaft ausmalen: Ein Neuanfang in einer anderen Umgebung scheint für jeden Einzelnen nur schwer umsetzbar. Das unterstreicht der Autor dadurch, dass er Ludwig seinen lang gehegten Wunsch, „auszusteigen“ und nach Griechenland auszuwandern, in buchstäblich allerletzter Minute doch noch aufgeben und in sein altes Zuhause zurückkehren lässt.

Im Mittelpunkt des gesamten Geschehens steht Valentin Gaukler: ehemaliger Polizist, nun Privatdetektiv, gradlinig, scharfsinnig, frech, mit Hang zur Anarchie, Womanizer. Er trägt nicht nur die Handlung, sondern sorgt auch verbal für beste Unterhaltung (…)

Fazit: Dem Autor ist die Gratwanderung, dem Leser ein anspruchsvolles Thema unterhaltsam nahe zu bringen, hervorragend geglückt. Ich könnte mir auch gut eine Verfilmung des Buches vorstellen.

Die Krirtik könnt ihr nachlesen unter Annette Traks Bücherblog:  http://www.annette-traks.com/2014/08/04/seidl-leonhard-m-letzte-ausfahrt-giesing-2014/