Dezember – Hundsgift von Leonhard Michael Seidl

 

Die Hanickl Saga

Die Romane der Hanicklsaga von Leonhard Michael Seidl führen uns tief in die Abgründe bayerischer Geschichte. Hier die Kurzfassung des ersten Buchs der Saga mit dem Titel

Der rote Hanickl

Bayern im Jahre 1832. König Ludwig I. sitzt auf dem Thron. Das Land leidet noch immer unter den Nachwehen der Napoleonischen Kriege. Eine Räuberbande, die noch heute im Volksmund „Der Rote Hanickl“ genannt wird, treibt zu jener Zeit ihr grausames Unwesen im Raum Dorfen (Landkreis Erding/Oberbayern). Niemand weiß, wer der Anführer ist. Schließlich drückt ein Mitglied der Bande das schlechte Gewissen. Der Bursche macht sich auf den Weg zum Landrichter, kommt aber nie dort an – ein Heckenschütze streckt ihn nieder. So eilt sein Mädchen nach Erding.

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– Band ZWEI der Hanickl-Saga –

Im Gebirge rettet ein Körbenzäuner aus Tirol der eigenartigen Magdalen das Leben und nimmt sie mit nach München. Sie will dort ihren Vater suchen, um ihn zu töten – aus Rache, denn er hatte sie im Zuchthaus mit einer verurteilten Mörderin gezeugt und das Kind anschließend im Stich gelassen. Alles, was Magdalen von der Mutter besitzt, ist ein Giftbüchlein. Es ist ihr geheimer Schatz und ihre Waffe gegen alle, die ihr übelwollen oder ihr in die Quere kommen. In München allerdings nimmt ihr Leben eine Wende und Magdalen kann sich unter falschem Namen eine unbescholtene Existenz aufbauen. Doch die Schatten der unglückseligen Vergangenheit holen sie wieder ein: Als die verheerende Cholera-Epidemie des Jahres 1854 die Stadt heimsucht und chaotische Verhältnisse ausbrechen, muss die junge Frau zur Verteidigung ihres Lebens erneut zu unorthodoxen Mitteln greifen …

Im Zuchthaus zeugt sie mit einem Aufseher eine Tochter. Die Geschichte dieser Tochter wird im zweiten Roman der Hanickl-Saga mit dem Titel „Hundsgift“ erzählt.

Im Gebirge rettet ein Zaunmacher der eigenwilligen Magdalen das Leben und nimmt sie mit nach München. Sie sucht dort ihren Vater, um ihn zu töten – aus Rache, denn er hatte sie im Zuchthaus mit einer verurteilten Mörderin gezeugt und das Kind anschließend im Stich gelassen.

Alles, was Magdalen von der Mutter, der berüchtigten Bandenführerin namens Der Rote Hanickl, besitzt, ist ein Giftbüchlein. Es ist ihr geheimer Schatz und ihre Waffe gegen alle, die ihr übelwollen.

In München kann sich Magdalen unter falschem Namen eine bescheidene Existenz aufbauen.

Doch die Schatten der Vergangenheit holen sie bald wieder ein.

Als die verheerende Cholera-Epidemie des Jahres 1854 die Stadt heimsucht und chaotische Verhältnisse ausbrechen, muss die junge Frau zur Verteidigung ihres Lebens erneut zu unorthodoxen Mitteln greifen.

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Graue Wolken behindern die Sicht des Mannes. Unablässig fällt Schnee. Der Sturm faucht über das Joch gleich einer wilden Jagd. Der Mann zieht die eisperlige Wollmütze weit ins Gesicht und klammert sich an seinen Stock. Der Wind zupft am Rucksack auf seinem Rücken.

Jeden Schritt zählend, setzt er Fuß vor Fuß, sinkt dabei bis über die Stiefel ein. Undeutlich sind die Grenzsteine zu erkennen. Wie graue Maulwurfshügel ragen sie aus dem Schnee. Der Mann senkt den Kopf und stapft weiter.

Nach jeweils zehn Schritten legt er eine Pause ein. Er bleibt stehen, wendet sich windabwärts und atmet tief ein und aus. Wieder dreht er sich zum Weg  – und erstarrt.

Nicht weit vorne liegt ein dunkler Haufen im eisigen Schnee. Vielleicht eine Gams, gerissen von einem Bären oder von Wilderern erlegt. Der Mann steht unbeweglich. Der Sturm zerrt an ihm und lässt ihn wanken. Endlich nimmt er den Rucksack herunter.

Behutsam streift er die wollenen Fäustlinge ab und legt sie auf den Schnee. Geschickt zieht er ein Messer aus einer verborgenen Innentasche seines Mantels. Er lässt den Rucksack zurück und bewegt sich auf den Haufen zu. Schwarz und verloren liegt er in einer Schneewächte, die ihn zu überdecken droht.

Als er nahe genug ist, sieht er, dass es sich um einen Menschen handelt.  Der Mann atmet erleichtert aus, behält jedoch das Messer in der Hand. Er kniet nieder, berührt den Umhang der Gestalt. Der Stoff ist warm. Der Mann weicht zurück. Keine Sekunde zu früh.

Die Gestalt ist aufgesprungen, hat ihren Umhang abgeschüttelt und stürzt sich auf den Mann. Als die Gestalt das Messer bemerkt, versucht sie, seinen Arm zur Seite zu drücken. Als dies misslingt, stürzt sie nach vorne, will den Mann überrennen.

Er weicht aus, die Gestalt stolpert und fällt. Er ist über ihr, umfasst sie, verliert dabei das Messer. Sie will sich freimachen, er aber ist kräftiger, umklammert ihren Leib und bemerkt dabei, sie ist ein Weib.

Sie schüttelt den Kopf nach links und nach rechts, der schwere Wollschal rutscht herunter. Sie spuckt ihm ins Gesicht. Der Mann erschrickt, sie kann sich befreien. Sie springt auf, will seinen Rucksack. Er packt sie von hinten und reißt sie um.

*

Sie stapft vor ihm her, den Grenzsteinen entlang, bis das Joch überwunden ist. Der Sturm bleibt zurück. Auch der Schnee wird bergabwärts geringer. Sie ist dicht vor ihm.

Wo sind wir?

Gleich haben wirs geschafft.

In Bayern?

Ja.

Sie stürzt kraftlos gegen seine Brust, sinkt an ihm herab wie ein leerer Sack. Jetzt weint sie vor Erschöpfung. Sie kniet vor ihm und küsst seine Fäustlinge. Er ist starr vor Überraschung.

Wo kommst denn du her?

Von weit.

Wo?

Von drunten.

Von drunten?

Sie erwidert nichts. Die Augen geschlossen, lehnt sie an seinen Knien. Mit einer schnellen Bewegung wirft er den Rucksack ab und legt das Weib auf den Boden. Er bettet sie in eine grasige, schneefreie Mulde und hockt im Kutschersitz daneben.

*

Die Sonne steht hoch am Himmel, als sie das Dorf Giesing erreichen. Hier, vor den Toren der Stadt München, leben die Taglöhner, die Stellmacher, die Lumpensammler, die Geflügelhändler, Scherenschleifer und andere Kleingewerbetreibende in baufälligen Hütten und Herbergen. Es ist eine gemischte Gesellschaft, die da haust, oftmals am Rande der Legalität. Daneben gibt es landwirtschaftliche Anwesen wie den Krebsbauernhof oder den großen Knollhof gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche.

Die Schänke „Zum letzten Pfennig“ befindet sich am südlichen Ende der Giesinger Flur an der Tegernseer Landstraße.

 

 

Eine heruntergekommene Taverne, die armselig wie ein Bettler am Wegesrand darauf wartet, dass die Bauern, die abends mit ihren Fuhrwerken nach Tegernsee und Holzkirchen zurückfahren, ihre Gulden vertrinken und verspielen. Entsprechend schlecht ist der Ruf der Lokalität. Die Gendarmen haben hier immer wieder zu tun.

Das Innere des Gebäudes besteht zu ebener Erde aus einem großen Gastraum mit angeschlossener Küche, einer Speis und einer Kammer für die Dienstboten. Darüber befinden sich Wohn- und Schlafraum des Wirtes.

Der Gastraum selber wird von einer grob gezimmerten hölzernen Theke samt Zapfanlage bestimmt. An den verräucherten Wänden laufen die abgewetzten Bänke entlang, vor denen ein großer Bauerntisch und drei kleinere für weitere Gäste stehen. Hinzu kommt die entsprechende Anzahl Stühle, die allesamt auf wackligen Beinen stehen.

Im Kamin über der aufgelassenen Feuerstelle hängen geräucherte Schinken und Würste. Innen an der Eingangstür ist ein Zettel angenagelt, der den Gast in holprigen Versen dazu ermahnt, sich ordentlich aufzuführen, beim Tarock nicht zu betrügen und keinen Maßkrug mitgehen zu lassen. Für Rauferei, lautes Singen und tätliche Übergriffe auf den Wirt steht Lokalverbot. Im Hintergrund führt eine Tür hinaus auf den Hof zum Abort.

Als Niklas, der Körbenzäuner, mit Magdalen nun die Wirtschaft betritt, ist bereits allerhand los. Am wuchtigen Bauerntisch hocken vier Ökonomen im Zigarrenqualm.

Einer von ihnen hält den leeren Maßkrug in die Höhe.

Wirtschaft, wo bleibt mein Bier?

Sein Nachbar schließt sich an.

 

In dera Boazn kriegst Brandblasen auf der Zunge vor lauter Durst.

Der Wirt steht am Hirschen hinter der Theke, zapft Bier und schwitzt. Er hat ein geschwätziges, vor Neugierde fahles Gesicht, wenig Haare am Kopf und eine Hose, die um seinen knochigen Hintern herumwackelt wie eine Kirchweihfahne im Wind.

Das ehemals weiße Hemd ist so dreckig wie die Fensterscheiben. Der Mann ist unrasiert. Seine Fingernägel zieren einen Trauerrand. Er wäre eine Jammergestalt, wären da nicht seine tückischen Augen. Tief liegen sie in den Höhlen und mustern jeden neuen Gast mit einem stummen Gruß.

Dies widerfährt nun auch den Neuankömmlingen. Niklas setzt sich an den kleinen Tisch bei der Eingangstür und überfliegt die Runde mit einem schnellen Blick. Magdalen hockt sich stumm dazu.

Inzwischen stellt der Wirt gefüllte Krüge auf den Bauerntisch. Er spricht mit unangenehm weinerlicher Stimme.

Was soll ich denn machen, wenn mir die Kellnerin davon rennt?

Musst sie halt besser zahlen.

Das Weib hat gestohlen wie eine Elster. Soll ichs dafür aa noch zahlen?

Hättst besser zahlt, hätts ned gstohlen.

Ihr könnts leicht reden, ihr Dorfpolitiker.

Emil Kinderlin, der Wirt, schüttelt mürrisch seinen dürren Schädel und wendet sich dem Tisch mit Niklas und Magdalen zu.

Was wollts?

Bier und einen Handkäs.

Könnts zahlen aa?

Niklas legt statt der Antwort ein paar Münzen auf den Tisch. Kinderlin brummt etwas und schiebt das Geld in seinen fleckigen Schurz. Darauf geht er zur Schenk, zapft Bier in einen irdenen Krug und stellt ihn vor Niklas auf den Tisch.

Der Käs kommt gleich. Wollts a Brot dazua?

Niklas zieht noch eine Münze aus seiner Tasche. Auch sie verschwindet in Kinderlins Schurz.

Inzwischen erhitzt sich die Diskussion am Bauerntisch. Ein schwerer Mensch namens Pauli mit grauem, in der Mitte gescheiteltem Haar sticht mit dem Zeigefinger in die rauchgeschwängerte Luft.

Seitdem dass sie uns eingemeinden, haben die Giesinger Bauern nix mehr zu sagen. Und alles bloß, damit die Münchner über die hunderttausend Einwohner hinauskommen und im Königreich angeben können!

Ihn unterbricht ein kleines, rundes Männlein mit großer Nase und listigen Schweinsaugen.

Red keinen Schmarrn, Pauli. Wer hat denn der Eingemeindung zuagstimmt? Mir alle habn zuagstimmt.

Und warum? Wegen der Verbesserung vo da Armenpflege und zwengsm Ausbau vom Schulwesen. Hast das scho vergessn?

Und nicht zuletzt zwegns da öffentlichen Sicherheit. Es ist bekannt, dass die Münchner Gendarm besser hinlanga, wie die hiesige Polizeigewalt.

Der dies sagt, ist der Schlosser Matthias Fischer, ein kräftiger, gut aussehender Mann mit rabenschwarzem, dichtem Haar im besten Alter. Seit der Eingemeindung nach München im Mai dieses Jahres ist auch er seines Amtes als Giesinger Gemeindepfleger enthoben.

Pauli widerspricht mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Glaubt ihr tatsächlich, dass ein königlicher Bezirkskommissär unsere Probleme besser lösen kann, als wia mir alteingesessna Giesinga Bürger? Dass ich fei nicht lach!

Der Wirt stellt den Handkäs vor Niklas auf den Tisch und mustert Magdalen, die bisher noch kein Wort gesprochen hat.

Kann die redn aa?

Niklas bleibt die Antwort nicht schuldig.

Die kann sogar singen.

Das interessiert mich ned. Arbeitn solls, wenns ko.

Magdalen weicht seinem Blick nicht aus.

Was willstn?

A Kellnerin bräuchte ich.

A Kellnerin?

Ja. Oane wo arbeit und ned stiehlt. Oane wie dich.

Magdalen mustert ihn spöttisch.

Woher willst denn wissen, dass ich ned aa stehl?

Kinderlin wird abgelenkt, weil am Bauerntisch nach einer Brotzeit verlangt wird. Niklas nimmt einen Schluck vom Bier und räuspert sich.

Überlegs dir, Magdalen.

Muß erst meinen Vater suchen.

Brauchst aber einen Schlafplatz und eine Arbeit.

Der Wirt ist a Lump!

Woher willst denn das wissen? Er gibt dir a Arbeit, a Essn und      einen Schlafplatz. A andere waar froh.

Magdalen nimmt den Krug zur Hand und trinkt. Nachdenklich wischt sie sich den Foam aus den Mundwinkeln und betrachtet ihre Hände.

Arbeiten kann ich.
Dann tus aa.

Und du?

Niklas richtet sich auf.

Ich geh zum Schildermaler Blasius. Der hat seine Werkstatt am Entenbach in der Au. Vielleicht             besuchst mich einmal.

Die junge Frau fährt sich unbehaglich durchs Haar.

Für dich steht also fest, dass ich bleib?

Ja, Magdalen.

Kinderlin ist unbemerkt an den Tisch getreten und hat die letzten Worte gehört. Er verzieht sein Gesicht zu einem schmalen Lächeln.

Freut mich, dass´d dich entschieden hast. Kannst glei         anfanga. Wie hoaßt denn überhaupts?

 

Magdalen ist aufgestanden und nennt den Namen, den sie sich längst ausgedacht hat: Marianne Furtner. Er ist so gut oder so schlecht wie jeder andere auch.

 

Um halb fünf am nächsten Morgen donnert es an die Tür. Magdalen rafft sich auf und stolpert in die Küche. Ihr Magen knurrt. Seit gestern Mittag hat sie nichts mehr zu sich genommen. Kinderlin steht am Ofen und rührt mit einem langen Kochlöffel in einem großen Tiegel herum. Der ganze Raum stinkt nach Erdäpfeln. Er wirft ihr einen mürrischen Blick zu.

Wo steckst denn?

Hunger hab ich!

Erst wird gearbeitet. Nimm den Kochlöffel da und rühr um. Aber gleichmäßig, sonst geht der Topf über.

Kinderlin drückt ihr das Rührwerkzeug in die Hand. Er verlässt den Raum und kommt mit einem halbhohen Bottich zurück, den er mitten in die Küche stellt. Nach einer Weile schiebt er Magdalen weg und wirft einen letzten Blick in den Tiegel. Die Erdäpfel sind fast verkocht.

Es reicht. Lang her!

Sie heben den Tiegel hinüber zu dem Bottich und schütten den Inhalt hinein. Der Wirt nimmt einen Stößel und zerquetscht damit die letzten Reste der Erdäpfel. Dann deutet er auf einen Blechkübel.

Hol a Wasser.

Kübel um Kübel mit kaltem Brunnenwasser schleppt Magdalen herein und stellt sie vor Kinderlin auf den Boden.

Er schüttet alles in den Bottich und rührt abermals um.

Schweigend geht er hinaus und kommt mit einem Päckchen Hefe zurück. Diese gibt er ebenfalls in das Gefäß. Zuletzt folgt Roggenschrot aus einem Rupfensack unter der Spüle. Kinderlin wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Fertig für heut.

Und wann ganz?

In a paar Tag. Und jetz mach ma Brotzeit. Sollst ned hungern bei mir, Madl.

Madl hat er sie vom ersten Moment an genannt. Der Klang seiner Stimme war heiter und wohlwollend. Wenn er nüchtern war.

Diese Tage jedoch wiegen leicht gegen die anderen. Die anderen, das sind die Besäufnisse mit freigebigen Gästen und späten Zechern.

Das sind die Tage, an denen er vom Branntwein so besoffen ist, dass er in seinem Salon droben herumstolpert wie ein Kriegsblinder mit einem Holzbein.

Das sind die Tage, an denen er halbseidene Weiber in sein Bodoir hinaufschleppt und derbes Gelächter bis auf die Straße dringt.

Solche Tage sind es, vor denen Magdalen Angst hat. An denen sie oft an Niklas denkt.

 

Der Erdäpfelschnaps ist eine Woche später, Anfang Juli, endlich fertig geworden. Drei Liter hat ihre Arbeit gebracht. Drei Liter illegalen Destillats.

Einen halben Liter hat Magdalen vom Wirt zum Eigenverzehr und zum Verkauf bekommen. Sie selber hat daran genippt und gleich wieder ausgespuckt. Das Gesöff ist ihr zu stark.

In der Wirtsstube jedoch, besonders nach Mitternacht, kommt nichts anderes auf den Tisch.

Mitunter kehren, zumeist in den frühen Morgenstunden, im Letzten Pfennig seltsame Gestalten ein. Kinderlin führt sie in die Küche und schließt ab. Vorher weckt er Magdalen. Sie muss für Getränke und eine Brotzeit sorgen. Dabei schnappt sie immer wieder Teile von geflüsterten Gesprächen auf. Neulich haben sie wieder einmal über die Pfaffen gespöttelt. Und geradezu konspirativ von der Hammerthaler Madonna gesprochen, die in der Heilig-Geist-Kirche zu München steht.

Die düsteren Gesellen sind geradezu verrückt nach Kinderlins Schnaps. Auch nach Magdalen schielt manch einer von ihnen. Aber es hat sich schnell herumgesprochen, dass das Madl nicht so leicht hergeht.

Innerhalb kürzester Zeit hat sich Magdalen Respekt verschafft. Das spürt auch der Wirt, der ihr endlich das bezahlt, was ihr zusteht. Es könnte ein gutes Auskommen sein, wenn da nicht der Fusel wäre.

*

Eines Nachts, gegen drei Uhr, stürmt Emil Kinderlin in ihren Verschlag und verprügelt sie nach Strich und Faden, weil sie ihm nicht zu Willen ist. Es ist so arg, dass sie glaubt, sterben zu müssen.

 

Erst als sie ihm das Messer mit letzter Kraft über die Stirn zieht, so dass ihm das Blut in die Augen rinnt und er nichts mehr sieht, lässt er von ihr ab.

Mit blauen Flecken am ganzen Leib packt sie hastig ihren Rucksack zusammen und verlässt die Taverne an der Tegernseer Landstraße.

Weil sie sich nicht auskennt, rennt sie einfach den Giesinger Berg hinunter. Auf einer Wiese bricht sie zusammen.

Als der Tag graut, kommt sie zu sich, ist aber unfähig, sich zu bewegen. Ihr Kleid ist zerfetzt, das Gesicht voller Blutergüsse. Der Wirt hat sie elend zugerichtet.

Um sich zu waschen, schleppt sie sich zum Auerbach. Dort reinigt sie notdürftig Gesicht und Kleidung. Für den Rest des Tages liegt sie im Ufergestrüpp.

Als die Nacht hereinbricht, deckt Magdalen sich mit ein paar Ästen zu. Sie liegt auf der nackten Erde. Ihr Magen knurrt wie ein Wolf.

*

Magdalen Stangassinger alias Marianne Furtner ist endlich

in München angekommen. Sie findet Unterkunft im Hause des reichen Kaufmannes Waldstedt am Viktualienmarkt. In der Haushälterin Babett erwächst ihr eine lebenslange Freundin. Die beiden Frauen eröffnen ein Café, in dem sie auch den Maler Carl Spitzweg begrüßen dürfen. Alles scheint gerichtet.

*

 

Am Bartholomäustag des Jahres 1854 packt ein unheimlicher Gast die Münchner Stadt mit seinem tödlichen Würgegriff: Die Cholera bricht aus.

Auf Geheiß des Gesundheitsrates drucken die Zeitungen erstmals genaue Zahlen. Am 18. August sind es neunzehn Todesfälle, wenig später schon zweiundachtzig. In den Vorstädten gibt es bis Ende des Monats insgesamt dreihundertvierundfünfzig Opfer.

Die Leichenhallen der Friedhöfe sind überfüllt. Die Beisetzsäle können keine Leichen mehr aufnehmen. Den Tag über, bis in den Abend hinein, werden Beerdigungen abgehalten. Die Zuschüttung der Gräber dauert die ganze Nacht. Mangels Gelegenheit müssen die Toten in der Leichenvorhalle aufgebahrt werden. Hier befinden sich während der Nachtstunden Angehörige wie Neugierige.

Die Straßen sind ausgestorben – im wahrsten Sinne des Wortes. Allein die schwarzen Totenwägen rumpeln durch die Gassen. Ärzte eilen von einem Bedürftigen zum anderen, ohne Rücksicht darauf, sich anzustecken.

Die internationale Industrie-Ausstellung im Glaspalast steht mangels Besuchern vor der Schließung.

Am Eingang zur Leichenhalle des Auer Friedhofes hockt ein Bettler und hält einen umgedrehten Hut in beiden Händen. Die Augen in seinem Schafsgesicht belauern zu später Stunde jeden Sarg, der von den Totengräbern hereingeschleppt wird. Noch intensiver mustert der Bettler die Angehörigen, welche hinter den Totenkisten hergehen.

Bemerkt er ein lohnendes Objekt, nickt er leicht in dessen Richtung.

Sofort tritt ein schmallippiger Trauergast mit gesenktem Haupt hinzu. Ziehen die Angehörigen nach vielen Gebeten und Tränen ab, bleibt der Mann zurück und lupft kaum merklich den Sargdeckel. Niemand beachtet ihn.

Blitzschnell untersucht er das Innere des Sarges. Entdeckt er eine Springdeckeluhr, ein Medaillon oder einen wertvollen Ring am Finger des Verstorbenen, so verschwindet die Beute in seinem Stoffsäckchen.

Nach getaner Arbeit wendet sich der Schnapphahn dem Ausgang zu und lässt seine Beute in den Hut des Bettlers gleiten.

 

 

 

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