Jessica Kremser – Interview

Interviewer: Du hast Deinen ersten Krimi „Frau Maier fischt im Trüben“ Deinen beiden Großmüttern gewidmet – vor allem, weil Dich Frau Maier oft an die beiden erinnert hat. Aber wie ist Frau Maier denn mit all ihren Eigenschaften entstanden? Hast Du Frau Maier bewusst so gestaltet, dass Parallelen zu Deinen Großmüttern zu erkennen sind oder sind Dir diese Parallelen selbst erst später aufgefallen?

Jessica Kremser: Tatsächlich war das am Anfang ein sehr unbewusster Prozess. Als mir die Idee zu „Frau Maier“ kam, habe ich aktiv gar nicht an meine beiden Großmütter gedacht. Erst nach und nach, während des Schreibens, fielen mir immer deutlichere Parallelen auf.

Dass ich mir überhaupt eine ältere Dame als Protagonistin ausgesucht habe, liegt bestimmt unter anderem an dem sehr positiven Bild, das ich von meinen beiden Großmüttern habe. Beide hatten Eigenschaften, die ich sehr bewundere. Erst jetzt, aus Erwachsenensicht, verstehe ich, wie schwierig es auch manchmal für beide war, sich ins Frauenbild der damaligen Zeit zu fügen. Sie sind für mich wirklich interessante Frauen – so wie Frau Maier auch.

Und hattest Du – wie es bei einigen Rezensionen angesprochen wird – bei der Figurengestaltung die Figur der Miss Marple im Sinn?

Die Figur der Miss Marple hatte ich bei der Gestaltung des Charakters nicht direkt im Sinn. Allerdings habe ich als Teenager tatsächlich sehr gerne „Miss Marple“ gelesen (genau wie meine Oma übrigens). Das waren die ersten Krimis, die ich in meinem Leben gelesen habe! Insofern hat mich Miss Marple sicherlich trotzdem auch ein bisschen beeinflusst.

Wie kommst Du auf Deine Geschichten? Was inspiriert Dich (ein besonderer Autor, Alltagssituationen, Gespräche, etc.)?

Alltagssituationen und Gespräche inspirieren mich. Ich bin, genau wie Frau Maier, wirklich neugierig. Das geht so weit, dass ich im Zug oder der U-Bahn bei Gesprächen anderer zuhöre und dass es mich interessiert, welches Buch der Mensch im Bus gegenüber liest. Manchmal google ich dann sogar, worum es in dem Buch geht. Ziemlich peinlich eigentlich J Oft sehe ich irgendwo einen Menschen und denke mir sofort eine Geschichte über ihn aus. Wo kommt er her, wo geht er hin, wieso, weshalb, warum. Wahrscheinlich denke ich mir einfach grundsätzlich gerne Geschichten aus.

Was steht bei Deinen Geschichten zuerst fest: das/die Mordopfer, der/die Täter/in oder bereits das Ermittlungsende?

Genau diese drei Dinge stehen fest: zuerst das Mordopfer, dann der Täter und das Motiv – aber alle drei, bevor es mit dem eigentlichen Schreiben los geht. Allerdings gab es bisher in jedem Band dann noch einige zusätzliche Wendungen oder Geschehnisse, die mir erst im Laufe des Schreibens eingefallen sind.

Bisher sind von Dir nur die Kriminalromane von Frau Maier erschienen. Wirst Du Dich irgendwann mal auch an andere Genres heranwagen oder hast Du mit dem Krimi genau das Richtige für Dich gefunden?

Krimis machen großen Spaß, aber ich habe auch schon Geschichten für Kinder geschrieben, für das Betthupferl im Bayerischen Rundfunk. Das hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Und im Moment habe ich eine Idee zu einem Roman, der kein Krimi ist – allerdings noch keine Zeit für die Umsetzung.


Kommen wir nun genauer auf Deinen ersten Kriminalroman von Frau Maier zu sprechen.

Frau Maier wird im gesamten ersten Fall nicht bei ihrem Vornamen genannt. Hat Frau Maier denn keinen Vornamen? Wenn doch, warum lässt Du den Leser darüber im Dunkeln?

Zu Beginn des ersten Bandes, wenn der Leser Frau Maier kennen lernt, ist sie eine Person, die sich stark isoliert hat. Es gibt in ihrem Leben fast niemanden, den sie näher an sich heran lässt, kaum Kontakte, keine engen Freunde. Und es gibt somit auch niemanden, der sie beim Vornamen nennt. Ich wollte, dass es eine gewisse Distanz von Frau Maier auch dem Leser gegenüber gibt. Erst nach und nach öffnet sie sich ein wenig – das ist eine Entwicklung die sich durch alle Bände hindurch zieht. Ob sie sich allerdings so weit öffnen wird, dass sie ihren Vornamen verrät? Wir werden sehen.

Du hast Frau Maier mit ein paar markanten Charaktereigenschaften ausgestattet. Beispielsweise beruhigt sie das Blättern in Kochbüchern. Ist das bei Dir auch so? Oder machst Du etwas anderes, um zur Ruhe zu kommen?

Also generell hat Frau Maier viel mehr die Ruhe weg als ich. Die Situationen, in denen sie in Kochbüchern blättert, sind schon wirklich aufregend – etwa, wenn sie gerade eine Leiche findet oder ähnliches. In so einer Situation müsste ich schon Valium einwerfen! Ich bin eher ein Mensch, der oft unter Strom steht, und dem es schwer fällt, zur Ruhe zu kommen. Möglichst wenig intellektuelle Fernsehsendungen helfen bei mir. Badewanne. Nudelsuppe. Ein Glas Wein.

Wie würden Dich enge Freunde beschreiben? Bist Du auch so neugierig wie Deine Krimiprotagonistin?

Wie schon oben beschrieben, bin ich sehr neugierig. Und ich esse gerne. Und ich liebe den See. Frau Maier ist aber viel, viel mutiger als ich. Mit mir als Protagonistin gäbe es keine einzige der Krimihandlungen, weil ich mir sofort in die Hose machen würde und mich im Haus einsperren und unter der Bettdecke verkriechen würde. Keinesfalls würde ich dann, so wie sie, auch noch im Dunkeln nach draußen gehen. Aber so funktionieren Krimis nun mal. Man denkt sich ja immer: „Nein, geh‘ jetzt bloß nicht alleine in den Keller!“ – und der Protagonist tut es eben doch…

Und sammelst Du auch etwas, so wie Frau Maier Todesanzeigen?

Als Kind und Teenager habe ich auch einige Dinge gesammelt: Figuren von Nilpferden, Bücher über Hexen und etwas später diese Miniatur-Parfumflaschen. Heute versuche ich eigentlich ständig, nicht allzu viele Dinge anzuhäufen, sondern regelmäßig auszusortieren und das Chaos in der Wohnung einzudämmen.

Frau Maier liebt Elvis und seine Musik. An einer Stelle steht sogar geschrieben, dass Elvis die größte Liebe im Leben von Frau Maier ist. Welche Musik hörst Du (derzeit) gerne?

Frau Maiers Liebe zu Elvis ist eigentlich eine kleine Hommage an meine Eltern bzw. meine Kindheit. Meine Eltern waren Fans von Elvis und ich fand ihn auch toll. Ich durfte als Kind nicht viel fernsehen, aber Filme mit Elvis oder Konzerte habe ich geschaut. Und es hat mich fasziniert, dass meine Eltern auch auf einem Konzert von Elvis in Las Vegas waren, und was sie davon erzählt haben.

Hast Du ein Musikidol, oder wechselt Dein Musikgeschmack von Zeit zu Zeit?

In meiner Jugend war ich natürlich, typisch 90er, ein Grunge- und Metal-Fan. Nach dem Abitur bin ich nach Florenz gegangen, um Italienisch zu lernen, und habe dann eine Weile fast ausschließlich italienische Musik gehört. Ich war wahrscheinlich einfach stolz, dass ich endlich alle italienischen Texte mitsingen konnte. Inzwischen höre ich sehr selten Musik, sondern bin immer froh, wenn um mich herum mal Stille herrscht. Nur im Auto höre ich Radio.

Bisher hat Frau Maier in drei Fällen erfolgreich ermittelt. Dürfen die Leser noch mehrere Fälle von ihr erwarten?

Ja, nächstes Frühjahr erscheint der vierte Band. Ich hatte von Anfang an die Idee, vier Fälle mit Frau Maier zu schreiben, und jeder Band spielt in einer anderen Jahreszeit. Denn für mich ist der See, den ja auch Frau Maier so liebt, zu jeder Jahreszeit anders, aber immer schön. Und ich wollte die Gelegenheit haben, den See und die Umgebung zu jeder Jahreszeit zu beschreiben.

Warum sind Deine Krimis in Wochentage eingeteilt?

Ich wollte dem Leser das Gefühl vermitteln, dass etwas Außergewöhnliches in Frau Maiers ganz normalen Alltag einbricht. Und das ganz plötzlich, nämlich als sie die Leiche findet. Ihr Leben ist davor relativ ereignisarm. Danach geht natürlich der ganz normale Ablauf, Wochentag für Wochentag, weiter. Aber das Leben ist trotzdem ganz anders. Der Leser hat Tag für Tag an diesem neuen Leben teil.

Außerdem wollte ich, dass sich die Handlung und damit die Lösung des Falles innerhalb eines relativ engen Zeitrahmens abspielt. Die Handlung erstreckt sich in jedem Band über etwa zwei Wochen im Leben von Frau Maier.