Leseprobe aus Su Turhans neuestem Krimi um Kommisar Pascha: ‚Getürkt‘

 München mit Istanbul zu vergleichen war in etwa so abwegig wie der Vergleich von Bier mit Rakı. Beide Getränke könnten unterschiedlicher nicht sein, beide aber hatten einen festen Platz im Herzen des Münchner Hauptkommissars, der gerade auf die Isar starrte, dabei jedoch an den Bosporus dachte.
Was für ein Irrsinn, der sich an diesem Vormittag vor ihm abspielte und ihn auf derartige flirrende Gedanken brachte. Der neue Anzug, den er sich nach einem zweistündigen Beratungsgespräch mit dem Herrenausstatter geleistet hatte, zwickte in den Achseln. Mit den Ellbogen auf dem Geländer der Reichenbachbrücke gelehnt, schweifte sein Blick über den Fluss seiner zweiten Heimatstadt.
Es war zu warm, die Sonne gaukelte den Aberhunderten Menschen, die an der Isar fläzten, mit zu hohen Temperaturen Hochsommer vor. Zeki Demirbilek holte eines seiner drei Stofftaschentücher hervor und wischte die Stirn trocken. Das Tuch aus Baumwolle war mit bluttropfenähnlichen Tupfern gesprenkelt, ein ungewöhnliches Design, das ihm auf Anhieb gefallen hatte. Er steckte das Geschenk seines alten Freundes Robert Haueis zu seinem letzten, zweiundvierzigsten Geburtstag zurück in die Hosentasche. Bei der Übergabe hatte ihm der Antiquitätenhändler weisgemacht, das Tuch aus dem Nachlass eines Serienmörders aus Transsilvanien erstanden zu haben. Roberts blühende Fantasie kannte keine Grenzen. Zeki wusste bei seinen Geschichten nie, ob er von ihm auf den Arm genommen wurde oder nicht.
Er blinzelte gegen die Sonne, unsicher, ob er richtig sah. Eine junge Frau in mausgrauem Rock und feinem Jäckchen telefonierte inmitten der Isarauen am Headset und schlüpfte dabei aus ihrem Rock. Der Hitze geschuldet, zog sie sich weiter aus. Offenbar zufrieden mit dem Verlauf des Telefonats, streckte sie, nun in rosafarbener Spitzenunterwäsche und unter Applaus der begeisterten Zuschauer, die Arme gen Himmel. Am Bosporus, da war Zeki sich sicher, würden Ordnungshüter nicht lange auf sich warten lassen, an der Isar dagegen konnte sich die Frau, ohne behelligt zu werden, weiter entkleiden und nackt in den Fluss rennen.
Zeki wandte sich von den frühsommerlichen Kapriolen ab und setzte den Weg zum Präsidium fort. Das Läuten seines Telefons verhieß seinem Gefühl nach nichts Gutes. Es war Jale Cengiz, daher nahm er sofort ab und hielt nach dem kurzen Gespräch ein Taxi auf der Brücke an.
Nach einer rasanten Fahrt den Nockherberg hoch sprang er an der Tegernseer Landstraße aus dem Wagen und eilte in den ersten Stock eines Drogeriefachmarktes. Mit nervösem Blick durchsuchte er das Regal von oben bis unten. »Mist! Das darf nicht sein«, flehte er vor sich hin.
Schiere Verzweiflung wich sodann purer Angst, Schuld am Hungertod seines Enkelkindes zu sein. Jale hatte ihm am Telefon eine klare Anweisung gegeben. Er vergewisserte sich nochmals und trat einen Schritt zurück, um einen besseren Überblick zu haben. Die Auswahl an Babynahrung überforderte ihn.
»Was suchen Sie denn?«, hörte er eine Frauenstimme, die engelsgleich in seinen Ohren summte. War das die vage Chance, den Enkel doch noch zu retten?
»Hirse mit Reis. Memo isst nichts anderes«, wandte er sich Hilfe suchend an die Verkäuferin im weißen Kittel. Die anthroposophische Firmenphilosophie des Unternehmens schürte in ihm die Hoffnung, an einen guten Menschen geraten zu sein.
»Klingt wie Nemo, süßer Name«, erwiderte die Verkäuferin freundlich und durchstöberte ihrerseits die Regalreihen.
»Abkürzung von Mehmet. Sechs Monate ist der Bursche. Er hat Fußballerwaden«, erklärte Zeki und verfolgte, wie der Engel mit Bedacht für ihn suchte.
»Tut mir leid«, entschuldigte sich die Verkäuferin, als sie das unterste Fach erreichte. »Scheint aus zu sein.«
»Wie aus?«
»Ist gerade der Renner bei den Kleinen«, schob sie mit sanfter Stimme nach. »Lassen Sie Ihren Sohn ruhig etwas anderes probieren. Das wird ihm sicher nicht schaden«, riet sie ihm und trollte sich weiter in die Fotoabteilung.
Bevor der Hauptkommissar das Missverständnis hinsichtlich der Vaterschaft aufklären konnte, hörte er eine Frauenstimme in einer ganz anderen Stimmlage. Wo ein Engel ist, konnte der Teufel nicht weit sein.
»Können Sie ein Stück zur Seite gehen?«, tönte eine Mittvierzigerin mit porscheähnlichem Kinderwagen. »Das Rumgetue von euch Vätern ist nicht auszuhalten. Hier, nehmen Sie das, da ist auch Hirse drin. Schmeckt genauso. Ich esse selbst nichts anderes.«
Das Gläschen wanderte in Zekis Hand, gleichzeitig schrillte das Telefon. Er bedankte sich bei der Frau mit einem Lächeln und trat beiseite.
»Ja, was gibt es?«, meldete er sich am Telefon, obwohl Memos Brüllattacke im Hintergrund die Frage überflüssig machte.
»Wann kommst du?«, drängte Jale. »Der Kleine hat echt Hunger.«
»Reis mit Hirse ist aus.«
»Verdammt!«, entfuhr es der besorgten Mutter, die mit ihrem Aufschrei den brüllenden Sohn übertönte.
»Soll ich in ein anderes Geschäft fahren?«
»Nein, bring irgendetwas mit. Hauptsache, es geht schnell.«
Erleichtert über die neue Anweisung, ließ er das Gläschen in die Sakkotasche gleiten. Eiligst trabte er zwei Treppenstufen auf einmal nach unten, zwängte sich, ohne an die Bezahlung seines Einkaufes zu denken, an den Kassenschlangen vorbei und sprang in das Taxi, das mit Warnblinkern auf ihn wartete.
Wenige Minuten später bezahlte Zeki den Fahrer und eilte die Treppenstufen in den zweiten Stock hinauf. Die Mutter saß mit ausgestreckten Beinen, auf denen das schlafende Baby lag, auf dem Küchenboden und wog es sanft hin und her.
»Machst du es warm, bitte?«, flüsterte Jale.
»Wie? Warm?«
Jale lächelte über den überforderten Großvater. »Mit ein wenig heißem Wasser.«
Zeki beäugte das Gläschen mit unappetitlicher Nahrung. »Da passt kein Wasser hinein!«
Der Vater des Kindes, Zekis Sohn Aydin, war vor ein paar Tagen nach Istanbul gereist, um dort mit seiner Jazzband Konzerte zu geben. Bis dahin hatte er mit viel Liebe die väterlichen Pflichten wahrgenommen. Wie hätte der Großvater ahnen können, in die missliche Lage zu geraten, selbst Brei aufzuwärmen und Windeln zu wechseln?
»Mit dem Wasserkocher geht es am schnellsten. Das heiße Wasser in einen Topf geben, den Deckel vom Gläschen abmachen und hineinstellen«, instruierte die Oberkommissarin in Mutterschutz ihren Chef. Als Mitarbeiterin des Sonderdezernats Migra genoss sie die vertauschten Rollen.
»Warum sagst du das nicht gleich, Jale! Memo kommt sicher um vor Hunger. Willst du ihn nicht wecken?«, beschwerte sich der besorgte Großvater.
Nachdem Jale ihren Sohn gefüttert und mit einer neuen Windel versorgt hatte, brachte sie ihn in das Zimmer, in dem sie mit Aydin in der Wohnung ihres Vorgesetzten lebte, und legte ihn in die Wiege.
Zeki hantierte mit çay-Kesseln an der Spüle und empfing Jale mit einem aufmunternden Lächeln.
»Ich besorge heute noch einen Vorrat für Memo. In Ordnung?«
»Das wäre schön. Aber nur Gläschen, sonst nichts, vor allem nicht noch ein Paar Fußballschuhe.«
»Mütter!«, beschwerte sich Zeki. »Je eher Memo sich an Stollen gewöhnt …«
»Der Kleine kann ja noch nicht einmal laufen«, unterbrach Jale ihn. »Ich wiederhole: keine Fußballschuhe! Keine Schienbeinschoner! Kein Trainingsanzug! Mit den verschieden großen Trikots vom Fenerbahçe und FC Bayern kommt dein Enkelkind die nächsten Jahre wunderbar über die Runden. Bitte! Ich schicke dir eine Nachricht mit der Einkaufsliste auf das Handy. Windeln gehen auch aus.«
Der ungewöhnlich junge Großvater schüttelte den Kopf und kramte aus der Schublade des Küchentisches Papier und Stift. »Bei Aydin funktioniert das mit Mail und SMS. Ich mag das nicht, weißt du doch von der Arbeit.«
Unvermittelt hielt Jale ihren Chef, der beinahe auch ihr Schwiegervater geworden wäre, am Handgelenk fest, als dieser zurück zur Spüle gehen wollte. Sie bemühte sich um ein freundliches Gesicht, in der Hoffnung, damit ihre Unsicherheit zu verbergen. Zeki erwiderte das Lächeln mit einem sanften Kuss auf ihre Stirn. Jale las in seinem Gesicht die tiefe Zuneigung und seinen Willen, alles zu tun, damit sein Enkel und sie gut versorgt waren. Bevor sie seine Wange mit der Hand berührte, schluckte sie schwer. Die Worte musste sie aus dem Mund zwingen.
»Aydin hat sich nicht getraut, es dir zu sagen.« Jale schob sich an ihm vorbei zur Spüle und gab eine Handvoll Teeblätter in den kleineren Kessel. »Er bleibt nach den Konzerten in Istanbul. Es ist besser für ihn, wenn er eine Weile nicht bei uns in München ist.«
Zeki merkte in seiner Verwirrung nicht, wie er zu viel Wasser in den größeren Teekessel laufen ließ. »Ich dachte, ihr habt euch versöhnt? Seit euer Sohn auf der Welt ist, habt ihr nicht mehr gestritten.«
»Ja, dafür haben wir geredet. Viel geredet.«
Statt zwei holte Zeki vier Teegläser aus dem Küchenschrank. »Du hast Aydin doch seinen Seitensprung verziehen. Ihr müsst ja nicht heiraten …«
»Ja, ich habe ihm verziehen. Trotzdem …«
»Memo braucht seinen Vater.«
Jale seufzte. Mit dem Familienoberhaupt über die verkorkste Beziehung mit Aydin zu diskutieren, war sinnlos. Dass sie kurz vor Memos Geburt Trauung und Hochzeitsfeier wegen Aydins Seitensprung abgesagt hatte, war für den Brautvater kein Problem gewesen. Doch was sie ihm jetzt sagen musste, weil es höchste Zeit war und sie es endlich hinter sich bringen wollte, würde ihn zutiefst treffen.
»Du bist der beste und liebevollste dede, der wunderbarste Opa, den sich ein Enkelkind wünschen kann. Ich weiß, wie sehr du den Kleinen liebst, aber Memo und ich ziehen aus.«
»Nein«, entfuhr es Zeki.

Kapitel 2

 

Selim Kaymaz, der Leiter der zuständigen Mordkommission, betrachtete den Istanbuler Himmel durch eine bizarre Formation aus Qualm. Der passionierte Pfeifenraucher gehörte mit dem klobigen Ding zwischen den Zähnen einer aussterbenden Spezies an. Bereits ausgelöscht war der Lebensatem der jungen Frau, die unter einem Dornbusch gefunden worden war. Kaymaz pflegte nicht viel Zeit bei den Opfern zu verbringen, dafür hatte er seine geschäftigen Assistenten mit Tablets unter dem Arm.
Kaymaz schob die Pfeife von einem Mundwinkel in den anderen und spazierte etliche Meter vor dem Polizeiabsperrband auf und ab. Das Gesicht der Frau hatte er eingehender als üblich betrachtet, obgleich Dreck und Erde nicht viel von ihrem Antlitz preisgaben. Die aufgerissenen Augen funkelten in der Sonne. Die Schneidezähne waren in die Unterlippe gebohrt. Trotz Blutspritzer und Dreckkruste um den Mund war das Glänzen eines makellosen Gebisses erkennbar. Vielleicht war sie bei der Flucht gestrauchelt, war in dem unwegsamen Gelände gestürzt oder hatte womöglich einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen.
Zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre, so schätzte der Istanbuler Kommissar das Alter des dritten Mordopfers in dieser Woche ein. Der menschliche Abschaum schien bei milderen Temperaturen gerne aktiv zu sein. Trotz Allahs schützendem Auge über die Bosporusmetropole fühlte er ein unsichtbares Ungeheuer mordend durch die Stadt stromern.
Kaymaz klopfte seine Pfeife auf dem Handballen aus und suchte nach einem Stöckchen am Boden, um die restliche Asche aus dem Kopf der Bruyèrepfeife zu kratzen. Dabei fiel sein Blick auf die bequemen, meist teuer aussehenden Schuhe der Touristen an der Absperrung. Die zu byzantinischer Zeit erbaute Chora-Kirche, die sie besichtigen wollten, galt unter Historikern und Kunstexperten als ebenso bedeutsam wie die Hagia Sophia. Wie der weitaus größere Prachtbau in Sultanahmet wurde der Sakralbau im Stadtteil Fatih nach der Eroberung Konstantinopels zu einer Moschee erklärt. Das nachträglich an die Kirchenmauern gebaute Minarett gab Zeugnis von dieser Zeit. Jahrhunderte später verlangte nach der Restaurierung die türkische Republik von Touristen und Einheimischen Eintritt. Wie die Hagia Sophia war auch diese Moschee in ein Museum umgewandelt worden.
Kaymaz blies durch die Pfeife die letzten Aschebröckchen in die Istanbuler Maienluft, als sein gewissenhaftester Mitarbeiter zu ihm eilte. Nach dem Gespräch mit ihm beschloss er, sich selbst zu vergewissern. Mit der Pfeife in der Hand stand er vor dem Opfer und bat darum, den Ärmel des bunten Sommerkleides zu lüften. Tatsächlich. Das Tattoo auf der weißen Haut des linken Unterarms war eindeutig das Emblem einer Fußballmannschaft, wie ihm sein Mitarbeiter berichtet hatte. Immerhin eine Spur, die im besten Fall zur Identität des Opfers führte. Es gab sonst keinen Anhaltspunkt, um wen es sich bei der jungen Frau handelte.
Weder eine Handtasche noch sonstige persönliche Dinge waren am Tatort aufgefunden worden. Die Suchtruppe durchkämmte die nähere Umgebung. Befragungen möglicher Zeugen wurden durchgeführt. Kaymaz erwartete jedoch nicht, Hinweise zu finden, die zur Feststellung der Personalien des Opfers oder zur Ergreifung des Täters führten. Stattdessen hoffte er, dass es sich bei der Ermordeten um eine Touristin handelte, die alsbald von einem Angehörigen oder vom Reiseveranstalter als vermisst gemeldet werden würde. Das, so wusste er aus Erfahrung, führte schneller zum Erfolg, als die überquellende Vermisstenliste abzuarbeiten.
Kaymaz wies an, ihm per Mail Fotos vom Tatort und vom Tattoo zu schicken. Er war ein großer Anhänger von Schreibtischarbeit und empfand sich als engsten Freund seines Computers. Wegen des Tattoomotivs nahm er sich vor, seinem Freund Zeki Demirbilek in München zu schreiben; außerdem hatte er in Erinnerung, dass der bayerisch-türkische Amtskollege in dem alten Stadtteil Fatih aufgewachsen war, nicht weit weg von der Kariye Müzesi, wie die Chora-Kirche seit Jahrzehnten hieß.
Er steckte die Pfeife in die Jackentasche und überließ den Rest der Arbeit seinen Assistenten. Sein Fahrer, der neben dem Dienstwagen wartete, trat bei der Rückkehr des Chefs die brennende Zigarette auf dem Boden aus und hielt dem Kommissar die Tür auf.
Kaymaz nahm hinten Platz und wies den Chauffeur an, mit Blaulicht und Sirene ins Büro zu fahren. Bevor die Limousine sich durch den Verkehr zur Stadtautobahn Istanbul Çevre Yolu quälte, um auf dem schnellsten Weg das Goldene Horn zu überqueren, piepste in Kaymaz’ Tasche das allerneuste Smartphone, das auf dem Markt zu haben war. In diesem Sinne war er ein typischer Istanbuler. Der Spagat zwischen den Errungenschaften moderner Technik und altmodischem Rauchwerkzeug wie einer Tabakspfeife störte ihn nicht, ganz im Gegenteil. Sein gewissenhafter Mitarbeiter hatte ihm bereits die ersten Fotos geschickt. Er öffnete das Mailprogramm und begann mit flinkem Zweidaumensystem seinem Freund Zeki zu schreiben.
Privat, wie er nach der Begrüßungsformel vorausschickte und sich nach seinem Befinden erkundigte.

Kapitel 3

 

»Sie sind spät dran, Hauptkommissar Demirbilek«, sagte Staatsanwalt Sven Landgrün. »Das macht aber nichts«, fügte er lächelnd hinzu. »Ich selbst war auch nicht pünktlich. Kommen Sie, setzen wir uns. Schön, dass Sie es einrichten konnten.«
Zeki Demirbilek folgte dem Juristen, den er bei dessen Amtsantritt vor einigen Wochen das erste Mal getroffen hatte. Der Kommissar war nicht in der Stimmung, sich zu entschuldigen, obwohl er tatsächlich zehn Minuten zu spät zu der Besprechung unter vier Augen eingetroffen war. Grund dafür war das einseitige Gespräch mit Jale gewesen, das sich in die Länge gezogen hatte. Zu viele brennende Fragen waren seinem Herzen entronnen. Jales ausweichende Antworten hatten die Angst geschürt, sie und sein Enkelkind zu verlieren. Mit Geschrei aus dem Nebenzimmer hatte Memo seine Mutter schließlich aus dem familiären Kreuzverhör erlöst.
Der Kommissar folgte dem promovierten Staatsanwalt zur Sitzecke, ohne sich anmerken zu lassen, den Beginn seiner Ausführungen verpasst zu haben.
Ohne Unterlass öffneten und schlossen sich Landgrüns Lippen. Der italienische Anzug verhalf dem Juristen zu einer gewissen Eleganz. Die Haarfarbe war kaum auszumachen, blond oder braun, tippte Demirbilek aufgrund der Kürze. Das filigrane Strichmuster auf der Krawatte über dem hellblauen Hemd erinnerte ihn an ein Lieblingsstück aus seiner Sammlung Stofftücher. Nur lückenhaft vermochte der Kommissar den salbungsvoll tönenden Worten über abgefangene, verschlüsselte E-Mails zu folgen. Er war abgelenkt durch Landgrüns quadratische digitale Armbanduhr am Handgelenk. Sie zeigte unter der Uhrzeit mit grün leuchtenden Ziffern die Frequenz seines Blutdruckes an. Demirbilek hatte von Cardiouhren gehört, aber bislang keine zu Gesicht bekommen. Irritiert über das Blinken des galoppierenden Pulses, der nicht mit dem sympathischen Tonfall und den behutsam vorgetragenen Erläuterungen einherging, unterbrach er den Staatsanwalt.
»Mit Ihrem Blutdruck stimmt etwas nicht.«
Landgrün verstummte augenblicklich und vergewisserte sich mit einem schnellen Blick auf die Daten. »Tatsächlich«, stutzte er und stand auf. »Als Ermittler achten Sie natürlich auf Nebensächlichkeiten. Gut zu wissen.«
Demirbilek verfolgte, wie er am Schreibtisch aus einem silbernen Döschen eine Tablette holte und mit kurzen Schlucken aus einem Wasserglas das offenbar blutdrucksenkende Mittel zu sich nahm. Dann zog er den Ärmel seines Anzuges nach oben, betätigte eine Tastenkombination auf der Uhr und kehrte ohne weiteren Kommentar an seinen Platz zurück.
»Sie verstehen, dass wir dem Hinweis nachgehen müssen?«, nahm Landgrün in derselben gefälligen Tonlage wie zuvor das Gespräch wieder auf.
Demirbilek gestand sich zwangsläufig ein, nicht zu wissen, was er meinte. Mit einer Sentenz aus seinem Erfahrungsschatz als Polizeibeamter überspielte er die Unkonzentriertheit. »Jeder gelöste Fall beginnt mit einem Anfangsverdacht.«
Landgrün nickte besonnen. »Sollte sich herausstellen, dass es sich um einen Fall handelt, haben Sie natürlich recht. Sind wir also einer Meinung?«
»Verzeihen Sie, Herr Staatsanwalt, ich sehe mich nicht in der Lage, eine Schlussfolgerung zu ziehen, wie Sie es gerade vorschnell tun. Wollen wir nicht die Fakten noch einmal durchgehen? Sie sagten …« Demirbilek legte eine Pause ein, in der Hoffnung, der Staatsanwalt würde ihm aus der Patsche helfen.
»Aus Ihnen wäre auch ein guter Anwalt geworden, Herr Hauptkommissar«, kam ihm Landgrün entgegen. »Nun schön. Lassen Sie uns die Fakten resümieren. Wenn Sie mitschreiben würden?«
Der Kommissar erschrak über die ungeheuerliche Tragweite der Aufforderung. »Mitschreiben? Ich könnte meine Mitarbeiterin Polizeioberkommissarin Vierkant holen lassen. Ich selbst …«
»Verstehe«, lenkte der Staatsanwalt ein. »Nun gut, fassen wir zusammen. Folgende Fakten habe ich anzubieten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist vom amerikanischen Nachrichtendienst auf verdächtige Mails aufmerksam gemacht worden. Das Bundeskriminalamt hat sich eingeschaltet, weil sich der Adressat in München aufhält. Nach eingehender Analyse der Gefahrenlage hat der Verfassungsschutz Alarm geschlagen. Ich komme gerade von einer diesbezüglichen Besprechung mit dem Innenminister. Möglicherweise ist in unserer Stadt ein Anschlag auf einen türkischen Politiker geplant …«
»Kein deutscher Politiker?«, fragte Demirbilek nach.
»Nein, soweit festgestellt werden konnte, ist die Zielperson kein Deutscher. Die Liste türkischer Politiker und Diplomaten, die in den nächsten Monaten nach München kommen, ist lang. Wir haben zwei internationale Messen in der Stadt …«
»Bald wird ein türkischer Feiertag begangen. In München wird es die eine oder andere Feier geben. Wer weiß, vielleicht lässt sich ein Politiker aus der Türkei hier blicken«, unterbrach Demirbilek ihn erneut. Ihm war die Einladung seiner Exfrau Selma zu eben so einem Festakt eingefallen. »Hat der Verfassungsschutz irgendetwas in dem Zusammenhang fallen lassen?«
»Nein, Herr Hauptkommissar. Von welchem Feiertag sprechen Sie denn?«, hakte er besorgt nach.
»Es geht um den 19. Mai. Ein Mischmasch zur Feier der Jugend, des Sports und zum Gedenken Atatürks. 1919 hat Atatürk von Samsun aus den Befreiungskrieg begonnen«, informierte Demirbilek seinen Vorgesetzten. »Richtig groß feiern Türken den Nationalfeiertag, der ist erst im Oktober.«
»Nun ja, ich sehe, ich habe mich in dieser Angelegenheit für den richtigen Mann entschieden«, schmeichelte Landgrün ihm.
»Liegt etwas aus dem türkischen Generalkonsulat vor?«, wollte Demirbilek genauer wissen.
»Natürlich, der Generalkonsul ist informiert worden.« Der Staatsanwalt griff nach einer Mappe mit Gummizug. »Hier steht alles, was Sie wissen müssen …«
»Und dürfen«, fiel Demirbilek ihm ins Wort.
Mit einem Lächeln deutete Landgrün an, dass er mit dieser Feststellung richtiglag. Der Verfassungsschutz tat sich mit transparenter Informationspolitik naturgemäß schwer. »Derzeit haben wir keine Kenntnisse über den genauen Ort oder Zeitpunkt des möglichen Anschlages. Am besten, Sie nehmen die Akte zum Studium mit. Sehen Sie sich den E-Mail-Verkehr und die Telefonprotokolle bitte genau an. Rückmeldungen gehen direkt an mich.« Landgrün reichte ihm die Mappe. »Die Person, die die verdächtigen Mails erhalten hat, ist ein Produzent von Werbefilmen. Er bereitet gerade einen Spot in der Stadt vor. Laut derzeitigem Ermittlungsstand ist er in der Türkei nicht auffällig geworden, er hat keine Vorstrafen, auf dem Papier ein unbescholtener Landsmann von Ihnen.«
»Ein Münchner?«, erkundigte sich Demirbilek provozierend.
»Nein, entschuldigen Sie. Ich meinte natürlich türkischer Staatsbürger«, korrigierte sich der Staatsanwalt schnell. »Das war es im Großen und Ganzen. Ich freue mich, Ihre zeitnahe Einschätzung schriftlich zu erhalten. Wahrscheinlich ist es blinder Alarm …«
Entnervt widersprach Demirbilek: »Fakten und Spuren zu bewerten sind mein täglich Brot. Überlassen Sie mir bitte die Einschätzung selbst, Herr Staatsanwalt.«
»Mir kam bereits zu Ohren, dass Sie vor höhergestellten Positionen wenig Achtung zeigen«, schmunzelte Landgrün und schüttelte Demirbilek die Hand, der einen letzten Blick auf die Cardiouhr warf.
Landgrün hatte sie offenbar ausgeschaltet. Statt eines Zeitmessers mit leuchtenden Ziffern prangte ein Block aus schwarzem mattem Nichts am Handgelenk, das ihn an die Kaaba erinnerte. Mit schlechtem Gewissen, die Wallfahrt an den heiligen Ort der Muslime nach Mekka noch nicht angetreten zu sein, malte er sich aus, dass nicht der Herzschlag des Staatsanwaltes stehen geblieben war, sondern sein eigenes Herz zu schlagen aufgehört hatte.