Leseprobe – Frau Meier fischt im Trüben

 Auf den ersten Blick hätte man denken können, der weiße Fleck im Wasser wäre ein Fisch. Fast jeder hätte das gedacht. Frau Maier nicht. Denn Frau Maier kannte sich aus mit den Fischen im See. Der weiße Fleck schimmerte fast silbrig unter der leicht gekräuselten Wasseroberfläche zwischen ein paar dunklen Schilfhalmen. Es war schwer zu sagen, ob sich nur das Wasser bewegte oder ob es die Hand selbst war, die unter Wasser leise winkte.

Dass es eine Hand war, daran bestand für Frau Maier gar kein Zweifel. Die Frage war: Handelte es sich nur um eine Hand oder um eine Hand, die noch mit einem Körper verbunden war? Die Katze hatte sich längst verzogen. Als sie mit der Pfote nach dem silbrigen Fisch hatte angeln wollen, da hatte sie plötzlich die Erkenntnis gepackt, dass er vielleicht doch kein so guter Fang war. Ihr Fell am Rücken hatte heftig gezuckt, so als hätte sie Flöhe, und dann war sie in Sekundenschnelle fauchend im Gebüsch am Ufer verschwunden. Frau Maier war alleine. Wie immer. Seufzend beugte sie sich nach vorne. Angst hatte sie keine – höchstens davor, wieder einen Hexenschuss zu bekommen, so wie im letzten Winter. Da hatte sie sich auch nur gebückt, um einen Kiesel aufzuheben. Einen roten, ganz glatt gewaschen vom See. Danach war das Leben fünf Wochen lang sehr beschwerlich gewesen.

Die Hand bewegte sich nicht. Sie lag still und blass im Wasser. In ihrer Todesstarre schien sie etwas zu umklammern. Es sah aus wie ein Stück Papier. Und von der Hand führte ein Arm ins Schilf.

*****

Am nächsten Tag wachte Frau Maier sehr früh auf. Wie spät es wohl war? Es war Ende Februar, draußen war es stockdunkel. Ohne Licht und ohne Vogelgezwitscher konnte Frau Maier nur anhand ihrer inneren Uhr die Zeit schätzen. „Fünf Uhr zwanzig“, murmelte sie – nein! Sie horchte noch einmal genauer auf das innere Ticken – „Fünf Uhr fünfundzwanzig“ korrigierte sie dann. Ein Blick auf den altmodischen Wecker auf dem Nachttisch zeigte: 5.27 Uhr. Frau Maier seufzte zufrieden, dann stand sie auf und schlüpfte in ihre Hausschuhe.

Jeden Tag begann Frau Maier auf dieselbe Art und Weise: Sie zog sich ihren alten Frottee­-Bademantel an und machte sich eine Tasse Kaffee. Den Kaffee trank sie dann am Küchentisch. Heiß, schwarz, genüsslich, mit halb geschlossenen Augen. Und dabei dachte Frau Maier nach. Über die Träume der Nacht, über Beobachtungen des vergangenen Tages, die über Nacht von einer unbestimmten Wahrnehmung zu einer konkreten Erinnerung geworden waren. Manchmal auch über die Vergangenheit, in letzter Zeit immer öfter. Heute dachte sie darüber nach, dass der Bademantel zu schrumpfen schien, denn er wurde immer enger. Er hatte ihrer Mutter gehört. Früher, als sie noch nicht Frau Maier gewesen war, sondern das kleine Mädchen am großen See, da hatte ihre Mutter sie manchmal mit diesem Bademantel zugedeckt. Damals war er ihr riesig vorgekommen. Frau Maier nahm noch einen Schluck Kaffee. Heute Nacht würde sie es vielleicht wieder bereuen. Denn häufig fand sie keinen ruhigen und tiefen Schlaf. Eigentlich seltsam, wo sie doch tagsüber die Ruhe in Person war … Wenn sie dann wach lag und schwitzte, dann schwor sie sich jedes Mal: Ab morgen trinke ich Pfefferminztee. Und schon in diesem Moment wusste sie, dass sie am nächsten Morgen wieder zur Kaffeedose greifen würde. Zur abgegriffenen Kaffeedose vom Dallmayr in München. Die Dose war ein Schatz, auch wenn sie regelmäßig (relativ häufig) mit dem billigsten Kaffee nachgefüllt wurde, den Frau Maier im Kauzinger Supermarkt finden konnte. Und sie würde auch wieder, wie jeden Morgen, warten, bis die kleine Kaffeemaschine gurgelnd und schnaufend den letzten Tropfen Kaffee herausgepresst hatte. Mit jeder Minute breitete sich der Kaffeegeruch mehr in der kleinen Küche aus und mit jeder Minute wuchs Frau Maiers Vorfreude auf den ersten, heißen, belebenden Schluck. Nein, der Pfefferminztee würde wohl noch ein Weilchen warten müssen.

Frau Maiers Gedanken schlugen eine neue Richtung ein. Was hatte sie aufgeweckt, so früh am Morgen, in völliger Dunkelheit und in der Stille ihres einsamen Häuschens? War es ein Geräusch gewesen, das auch im Schlaf an ihre stets gespitzten Ohren gedrungen war? Oder vielleicht eine andere Wahrnehmung, die ihre allzeit bereiten Sinne, die auch nachts keine Pause einlegten, empfangen hatten? Ein Geruch vielleicht? Unwillkürlich legte Frau Maier den Kopf leicht in den Nacken und schnupperte in die Luft. Wie ein Tier, das eine Witterung aufnimmt. Aber da war nichts. Außer … Vielleicht war da wieder dieses Gefühl, dieses Unbehagen, diese Härchen, die sich an den Armen aufrichteten. War sie wieder nicht alleine? War da nicht doch ein leises Geräusch vor dem Haus zu hören? Ein Rascheln, ein Tapsen?

Langsam stand Frau Maier auf und ging zur Tür. Kurz ließ sie den Blick zum Schürhaken am Kamin schweifen, rief sich aber sofort zur Ordnung: „Jetzt spinnst aber a bissl!“, schimpfte sie sich leise und machte beherzt die Tür auf. Der Garten war leer. Rechts auf der kleinen Veranda aus Holz saß die Katze und putzte sich die Pfoten. Natürlich! Wie hatte sie so dumm sein können, das leise Geräusch nicht als Katzentatzen zu erkennen! Frau Maier schüttelte den Kopf. Die Leiche hatte ihr wohl doch mehr zugesetzt, als sie sich hatte eingestehen wollen. Sie ging zurück zur Tür und warf einen letzten, beruhigten Blick in den Garten. Und erstarrte. Plötzlich spürte sie die frostige Kälte des Februarmorgens bis in jeden einzelnen ihrer Knochen hinein. Das Gartentor, das zum kleinen Weg hinaus führte, stand nicht nur offen. Nein, es war aus seinen Angeln gehoben und fein säuberlich gegen den Gartenzaun gelehnt worden.

So etwas kann nur ein Mensch, war Frau Maiers erster Gedanke. Das muss nichts bedeuten, war der zweite. Es bedeutet aber auf jeden Fall etwas: Jemand war mitten in der Nacht in meinem Garten. Und er wollte, dass ich es weiß. Und dieser dritte Gedanke blieb für den Rest des Tages wie eine dunkle Wolke, die sich einfach nicht vertreiben lassen wollte, über ihr hängen.

*****

Mit einem Schlag war sie hellwach. Er war an der Tür – und dieses Mal versuchte er, hereinzukommen. Sie hörte die kratzenden, schabenden Geräusche am Schloss. Was machte er? Hatte er einen Draht dabei, ein Messer, einen Dietrich? Jemand mit krimineller Energie, der es wirklich will, wird sich überall Zugang verschaffen, schoss es ihr durch den Kopf. Wo hatte sie diesen Satz gehört? Aktenzeichen XY?

Sie setzte sich im Bett auf und lauschte angestrengt in die Nacht. Das Ticken ihres Weckers auf dem Nachttisch erschien ihr plötzlich unangemessen laut, so als würde es das ganze Haus erfüllen und in ihm schlagen wie ein unbeirrbares Herz. Ihr eigenes Herz klopfte auch, aber sie war sich nicht sicher, wie lange noch. In meinem Alter kann man schon leicht einmal einen Herzkasperl bekommen, dachte sie. Und dann: Was denke ich eigentlich für blöde Sachen? Jemand versucht in diesem Moment, in mein Haus einzubrechen! Und ich bin meilenweit von jeder Hilfe entfernt. Hätte sie doch nur ein Telefon – besser noch: ein Handy. Dann würde sie den Frank anrufen. Oder sogar den Brandner, so weit war es schon. Zu spät! Die Haustür öffnete sich mit dem gewohnten leisen Quietschen. Er war da.

Die Zeit schien still zu stehen. Frau Maier konnte sich nicht bewegen, nicht einmal den kleinen Finger, nicht einmal, wenn sie ihre ganze Kraft zusammennahm. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Die Sekunden verstrichen und sie hörte nichts. Wo war er? Schlich er schon die Treppe nach oben? Aber nein, unmöglich. Dann müsste sie doch das Knarzen der dritten Stufe hören. Oder ließen ihre Sinne nach? Oder hatte er die dritte Stufe übersprungen? Da fiel die Tür wieder ins Schloss und im frischen Schnee unter ihrem Fenster knirschten Schritte. Plötzlich war die Blockade gelöst, Frau Maier stürzte ans Fenster. Auf dem weißen, vom Mond beschienenen Schnee konnte sie deutlich eine schwarze Gestalt sehen, die durch den Garten lief und durch das Tor verschwand. Er war wieder gegangen, einfach so.

Langsam ging Frau Maier zur Schlafzimmertür hinaus ins Treppenhaus. Ganz unten am Treppenabsatz schimmerte etwas Silbernes. Ihr wurde kurz schwindlig, weil sie an Anitas sanft winkende Hand unter Wasser denken musste. Stufe für Stufe ging sie hinunter und musste dafür all ihre Willenskraft aufbringen. Die dritte Stufe übersprang sie. Unten lag ein toter Fisch. Sein Bauch war aufgeschlitzt und er war ausgenommen worden. Seine leblosen Augen starrten Frau Maier an und sie starrte zurück.